Zwischen Bahnsteig und Luxuskarosse – Beispiele aus der Praxis „nach Schule“

Im Workshop „nach Schule“ gaben die Teilnehmenden Einblick in ihre Arbeit und tauschten Erfahrungen aus. Vier ausgewählte Beispiele zeigen, wie Berufseinstiegsbegleiterinnen und Berufseinstiegsbegleiter individuell auf die Herausforderungen der Phase „nach Schule“ reagieren.

Chance: neue Netzwerkpartner und Mehrwert dem Jugendlichen verdeutlichen

Frau Wagner*: „In meiner Betreuung befand sich ein Junge aus einer Sinti-und-Roma-Familie, Jeremy. Er war zwar smart, aber sehr faul. Zur Orientierung steckte ich Jeremy gezielt in Praktika und er fand Gefallen am Beruf des Trockenbauers. Für die Ausbildungsstelle musste Jeremy allerdings seine 5 in Mathe auf eine 3 verbessern. Doch Jeremys Lehrer wollten ihn nicht mehr unterstützen. Ich musste in vielen Gesprächen Überzeugungsarbeit leisten, damit man den Jungen nicht fallen ließ. Ich hatte auch ein Gespräch mit dem Betriebschef des ausbildenden Unternehmens.

Schließlich stand die Abmachung: Jeremy erhielt 4 Monate Zeit, um sich auf eine Prüfung im Betrieb vorzubereiten und seine Defizite in Mathe auszugleichen. Mit diesem greifbaren Ziel vor Augen konnte sich Jeremy motivieren, jeden zweiten Tag zwei Stunden Mathe zu pauken. Bei der Prüfungsvorbereitung gingen wir in kleinen Schritten vor, damit Jeremy schnell erste Erfolge erzielte. Das gab ihm Kraft und motivierte ihn zusätzlich. Er wusste, dass er die Ausbildung mit der nötigen Vorbereitung auf jeden Fall antreten konnte – und er schaffte es. Die Arbeit mit Jeremy macht deutlich, dass man den Jugendlichen ihre Möglichkeiten klar aufzeigen und ihnen etwas Konkretes in Aussicht stellen muss. Dann können sie sich oft unglaublich stark selbst motivieren.“

 

Chance: neue Ziele steigern Motivation des Jugendlichen

Frau Weiß: „An zwei unterschiedlichen Schulen in Hannover und Neustadt betreute ich zwei Jungs, Ramon und Miro. Sie wollten beide Kfz-Mechatroniker werden. Die Ausgangssituation war aber schwierig: Miro hatte seine Mutter verloren, Ramon hatte wegen gewalttätigem Verhalten Sozialtrainingsstunden aufgebrummt bekommen. Nach einiger Zeit konnte ich Ramon einen Praktikum in einem BMW-Autohaus vermitteln. Miro kam über seinen Vater in ein Praktikum im VW-Werk. Die Ausbilder machten den Jungs ganz klar, worauf es ankommt: keine Fehlzeiten, keine Vorstrafen, gute Kopfnoten.

Als die beiden im Jahr darauf wieder an den selben Stellen Praktika absolvierten, waren die Ausbilder begeistert über ihre Entwicklung und rechneten beiden hohe Chancen für eine Ausbildung bei den jeweiligen Betrieb an. Das erhöhte ihre Motivation ungemein. Sie wissen nun, dass es lohnt, sich am Riemen zu reißen. Ramon und Miro waren außerdem stolz bei so namhaften Firmen Praktikanten gewesen zu sein. Wenn einer wie Ramon merkt: ‚Ich Junge aus dem Ghetto kann an Nobelkarossen rumschrauben‘, motiviert ihn das unglaublich.

Jungs wie Miro und Ramon muss man zeigen, wozu sie zur Schule gehen und dass sie ihre Ziele wirklich erreichen können. Beide absolvieren gerade die freiwillige 10. Klasse um ihre Chancen noch weiter zu verbessern und haben sogar Aussicht auf einen Realschulabschluss. Die Bewerbungsverfahren laufen beide und die ersten Einstellungstests sind schon bestanden.“

 

Herausforderungen: Wechsel in der Begleitung nachhaltig gestalten - Kontinuität der Begleitung sichern

Frau Götz: „Zur Übergabe gibt es keine Leitlinie. Jeder arbeitet nach bestem Wissen und Gewissen. In meinem Team haben wir es so geregelt, dass nicht nur ein, sondern drei bis fünf Mitarbeiter neue Kollegen einarbeiten. Da jeder einen eigenen Arbeitsstil hat, lernt der oder die Neue so ein breites Spektrum kennen. Die Phase der Einarbeitung dauert meistens sechs bis acht Wochen.

Die neuen Kollegen lernen dabei auch mehrere Jugendliche kennen. Mit denjenigen, für die sie die Betreuung übernehmen, gibt es mehrere Termine zu dritt. In den meisten Fällen haben die Jugendlichen Kontaktschwierigkeiten und freuen sich, wenn sie den neuen Kollegen erst einmal langsam beschnuppern können. Nur wenige Jugendliche lehnen die kurzfristige Betreuung durch zwei BerEb ab. Wenn der neue Kollege dann nach ein bis zwei Wochen den Jugendlichen übernimmt, haben die beiden schon eine Beziehung zueinander aufgebaut.“

 

Herausforderung: Kontakt halten

Herr Sonntag: „In unserem Ort gibt es nur einen Bahnsteig und eine Bahnlinie. Daher sehe ich morgens auf dem Weg zur Arbeit erstaunlich viele Jugendliche, die ich betreue. Viele fahren wie ich auch nach Kleve, wo es eine große Berufsschule gibt. Beim Warten ergibt sich oft die Gelegenheit, ein Gespräch zu führen oder zumindest kurz einen Termin auszumachen. Bei der Bahnfahrt ist mehr Zeit, da gehen wir teilweise tief in die Themen rein. Die Jugendlichen erzählen mir dann zum Beispiel wie es gerade im Betrieb läuft.

Manchmal führen wir aber auch nur Smalltalk. Es ist ganz unterschiedlich, je nachdem, ob die Jugendlich Lust haben, zu reden, ob sie allein oder mit anderen unterwegs sind. Die morgendlichen Bahn(steig)gespräche erleichtern mir die Arbeit sehr. Viele Jugendliche erreiche ich tagsüber telefonisch nicht, da sie auf der Arbeit oder in der Schule eingebunden sind. Wen ich morgens schon in der Bahn getroffen habe, den muss ich abends nicht noch anrufen. Das erspart mir einige Telefonate.“

* Alle Namen von der Redaktion geändert.

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