Regionalkonferenz Hamburg:
„Berufsorientierung muss zur Chefsache werden.“

06.12.2011 | Hamburg

Jugendliche brauchen bereits in der Schule eine solide Berufsorientierung, die sie auf das Arbeitsleben vorbereitet. Nur so können sie wohl überlegt entscheiden, welchen Beruf sie erlernen möchten. Deshalb gehört die Berufsorientierung in allen Bundesländern zum Schulunterricht. Doch die Forschung hat sich mit dem Thema kaum beschäftigt.

Ohne Forschung keine Empfehlungen für Schulen und Lehrkräfte

Diese Forschungslücke betrifft vor allem Schulen und Lehrkräfte. Sie sollen die Berufsorientierung umsetzen, zum Beispiel nach einem vorgegebenen Konzept ihres Bundeslandes. Das Problem: „Es gibt keine fundierte Didaktik der Berufsorientierung, auf die sich Praktiker stützen könnten“, erklärte Karin Manneke vom Evaluationsteam Berufsorientierungsprogramm (BOP) auf der Regionalkonferenz der Initiative Bildungsketten am 6. Dezember 2011 in Hamburg.

Karin Manneke, Evaluationsteam BOP: „Es gibt keine fundierte Didaktik der Berufsorientierung, auf die sich Praktiker stützen könnten“

Eine Ausnahme ist die Universität Erfurt. Dort wurde das Thüringer Modell zur Berufsorientierung (ThüBOM) entwickelt. Es gliedert die Berufsorientierung in vier Phasen, die Schüler/innen durchlaufen, bis sie eine gereifte Berufswahl treffen können. Am Ende jeder Phase muss jeder Jugendliche bestimmte Kompetenzen erworben haben. Mit einer Checkliste zur Berufswahlkompetenz können Lehrkräfte überprüfen, ob das jeweilige Ziel erreicht wurde.

Ausnahme: das Thüringer BerufsorientierungsModell

Das Besondere am ThüBOM: Die Jugendlichen sollen den komplexen Berufswahlprozess selbst steuern. Wie das in der Praxis funktioniert und welches Wissen Lehrkräfte dafür benötigen, stellten Joachim Winter (INBAS GmbH) und Karin Manneke in Hamburg an einem fiktiven Fallbeispiel dar: Soll die Schülerin Anja eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau im Lebensmittelgeschäft der Eltern machen? Oder soll sie ihren eigentlichen Berufswunsch Krankenschwester verwirklichen? Die Checkliste hilft dabei, dass Anja Schritt für Schritt die Fragen selbst beantwortet. Dazu zählt etwa ein gemeinsames Gespräch mit Anjas Eltern und dass sie sich eigenständig über die Anforderungen an die beiden Berufe informiert.

Das Fallbeispiel löste eine spannende Debatte aus: Wo beginnt und endet bei der Berufsorientierung die Verantwortung der Schule? Bei wem fließen Informationen über die Schüler/innen zusammen? Wer gibt den entscheidenden Tipp? „Die Berufsorientierung muss zur Chefsache werden, das ist Aufgabe der Schulleiter“, sagte Klaus Ziemann (Fridtjof-Nansen-Schule Kiel). Dagegen brachte Peter Hinsch (Regionalschule Wentorf) die Klassenlehrer/innen ins Spiel. Winter und Manneke sehen allgemein die Lehrerinnen und Lehrer in der Pflicht: Sie sollten zusammen mit der Berufseinstiegsbegleitung die wichtigsten Ansprechpartner/innen sein.

Länder haben unterschiedliche Konzepte

Der Blick in die Länder der Region Nord zeigt: Die Konzepte zur Berufsorientierung fallen unterschiedlich aus. Hamburg zum Beispiel gestaltet das Übergangssystem Schule-Beruf neu. Damit niemand verloren geht, sieht die Reform unter anderem eine „händische Übergabe“ von solchen Jugendlichen vor, die voraussichtlich keinen Schulabschluss bzw. keine hinreichende Ausbildungsreife erreichen.  „Dabei verhandelt die Stadtteilschule direkt mit der berufsbildenden Schule, welchen weiteren Weg im Rahmen der nachfolgenden Ausbildungsvorbereitung jeder einzelne Schüler gehen kann“, sagte Rolf Deutschmann, Hamburger Institut für Berufliche Bildung.

Berufsorientierung ist in Schleswig-Holstein eine Querschnittsaufgabe und damit grundsätzlich Aufgabe aller Lehrkräfte. Die Berufsorientierung jeder Schule wird auf Grundlage eines entsprechenden Curriculums konzipiert und von einer für die Berufsorientierung beauftragten Lehrkraft (Schulbeauftragte für BO) koordiniert.
In den Regionen sind die Kreisfachberaterinnen und Kreisfachberater für Berufsorientierung in enger Anbindung an die Schulrätinnen und Schulräte für die schul-übergreifende Abstimmung mit allen im Übergang von der Schule in den Beruf tätigen Akteuren verantwortlich. Sie sind für die Arbeitsagenturen, die Kammern und Verbände, Unternehmen und vor allem für die Schulen die regionalen Ansprechpartner in allen wesentlichen Fragen der Berufsorientierung.

„Über die Initiative Bildungsketten kommen weitere externe Fachkräfte in die Schule, die neue und wichtige Impulse mitbringen“, so Christine Klawe vom Ministerium für Bildung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein. Für die Schulen sei es allerdings eine Herausforderung, auch diese Kräfte sinnvoll in die genannten Strukturen und in den Schulalltag einzubinden. Die Schule habe dabei vorrangig die Aufgabe, das Zusammenwirken der unterschiedlichen Akteure, z.B. der Bundesagentur für Arbeit als einem wesentlichen Partner, im Übergang von der Schule in den Beruf zu koordinieren und den Schülerinnen und Schülern so ein möglichst breites und abgestimmtes Angebot zur beruflichen Orientierung zu machen.

Bei allen Unterschieden: Die zentrale Rolle der Schulen bei der Berufsorientierung haben alle Länder gemeinsam, so auch in Bremen. Mit den „Bremer Vereinbarungen“, dem Pakt für Ausbildung in der Hansestadt, soll der Anteil von Schülerinnen und Schülern, die direkt in eine berufliche Ausbildung münden, erhöht werden. Bei der Gesamtkonzeption hierfür komme den Schulen eine tragende Rolle zu, weil sie für Berufsorientierung verantwortlich seien, erklärte Lars Nelson, Die Senatorin für Bildung, Wissenschaft und Gesundheit. Besonders gute Berufsorientierungskonzepte werden mit dem „Bremer Qualitätssiegel“ ausgezeichnet. In Bremen stärkt eine systematische Berufsorientierung auch die Inklusion von Menschen mit Behinderung, „Bremen ist bei der Umsetzung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen bundesweit Vorreiter“, so Nelson.

Wo sollten die Informationen über Schüler/innen in der Berufsorientierung zusammenfließen? Diskutieren Sie darüber mit Praktikern/innen in der Bildungsketten-Community auf www.qualiboxx.de

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Ansprechpartner

  • Servicestelle Bildungsketten beim Bundesinstitut für Berufsbildung

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    • E-Mail-Adresse: michael.schulte@bibb.de