Ohne Schulabschluss in die Ausbildung – Menschen mit Einwanderungsgeschichte auf dem Weg in die Ausbildung unterstützen : Datum:
Für die KAUSA-Landesstelle Hamburg sind Geflüchtete, Migrantinnen und Migranten ohne Schulabschluss eine besonders relevante Zielgruppe. Wie das Projekt diese Zielgruppe erreicht und ihr erfolgreich den Weg in eine Ausbildung ebnen kann, war Inhalt der KAUSA-Transfer-Veranstaltung, die am 15. Juli 2026 online stattfand.
Die Unterstützung von Jugendlichen ohne Schulabschluss hat die KAUSA-Landesstelle Hamburg in Absprache mit der Hamburger Behörde für Wirtschaft, Arbeit und Innovation (BWAI), welche das Projekt kofinanziert, als Schwerpunkt festgelegt. Die KAUSA-Projektleiterin Arzu Pehlivan sprach auf der KAUSA-Transfer-Veranstaltung „Unterstützung von nicht-schulpflichtigen jungen Menschen mit Einwanderungsgeschichte ohne Schulabschluss beim Übergang in Ausbildung“ in ihrem Vortrag über ihre Vorgehensweise und Erfahrungen. Neue Impulse für ihre Arbeit erhielten so 37 Mitarbeitende von KAUSA-Landesstellen, BOFplus-Trägern und der Initiative Bildungsketten. Nach dem Vortrag hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, sich in Kleingruppen auszutauschen.
Immer mehr Jugendliche beenden Schulzeit ohne Schulabschluss
7,8 % der Schulentlassenen in Deutschland bzw. 62.000 junge Menschen hatten im Jahr 2024 keinen Schulabschluss erreicht – laut Arbeitsmarkt kompakt | März 2026, einem Bericht der Agentur für Arbeit. Dabei lag der Anteil der ausländischen Jugendlichen ohne Schulabschluss bei fast einem Drittel, obwohl ihr Anteil an allen Schulabgängerinnen und -abgängern sich nur auf 12 % belief. „Weil Menschen mit Einwanderungsgeschichte häufiger keinen Schulabschluss haben, ist es wahrscheinlicher, dass sie keinen Ausbildungsplatz finden. Sie sind eher arbeitslos oder gehen einer schlecht bezahlten Helfertätigkeit nach“, erläutert Arzu Pehlivan.
Mehr „nicht formal Qualifizierte (nfQ)“ bei Einwanderungsgeschichte und fehlendem Schulabschluss
Immer mehr junge Erwachsenen im Alter von 20 bis 34 Jahren verfügen über keinen formalen beruflichen Abschluss und gelten als „nicht formal Qualifizierte (nfQ)“, wenn sie keine berufliche Ausbildung abgeschlossen haben oder absolvieren, keinen Freiwilligendienst leisten, keine Schule oder Hochschule besuchen. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zeigt in seinem Datenreport, dass die nfQ-Quote in den vergangenen 10 Jahren kontinuierlich gestiegen ist – von 13,3 % im Jahr 2014 auf 18,8 % in 2024. Die Anzahl der nichtdeutschen nfQ verdoppelte sich seit 2014 von 0,7 Mio. auf 1,4 Mio. Personen. Bei Nichtdeutschen lag die nfQ-Quote im Jahr 2024 bei 37,2 %, bei Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit bei 12,2 %.
Bei denjenigen, die eingewandert waren, lag die nfQ-Quote mit 38,8 % deutlich höher als bei ihren Nachkommen (21,4 %) und bei Menschen mit einseitiger Einwanderungsgeschichte (17,4 %), belegt das BIBB für das Jahr 2023.
Wenn kein Schulabschluss vorliegt, ist der nfQ-Anteil am höchsten. Von den 20- bis 34-Jährigen, die über keinen Schulabschluss haben, lag die nfQ-Quote im Jahr 2023 bei 79 %. Bei einem Hauptschulabschluss hingegen ist der nfQ-Anteil mit 38,4 % um mehr als die Hälfte reduziert.
Menschen ohne Schulabschluss im Fokus von KAUSA-Landesstellen und BOFplus
Die Mehrzahl der in der Veranstaltung anwesenden KAUSA- und BOFplus-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter sieht die Jugendlichen ohne Abschluss als wichtige Zielgruppe. In einer Umfrage gab etwa jeder Zweite an, dass schätzungsweise über ein Viertel der von ihnen unterstützten Personen über keinen Schulabschluss verfügt. Die meisten informieren sowohl Personen mit als auch ohne Schulabschluss. Ganz gezielt an junge Menschen ohne Schulabschluss richtet sich mehr als jeder Zweite der Befragten.
Die meisten jungen Menschen ohne Schulabschluss, die die Befragten unterstützen, kommen aus Afghanistan und Syrien. Viele sind aus der Ukraine und der Türkei. Als Herkunftsländer wurden häufig auch „afrikanische Länder“ genannt, namentlich erwähnt wurden Eritrea, Somalia, Kamerun und der Kongo.
Eine heterogene Zielgruppe
Die Zielgruppe „Nicht-Schulpflichtige ohne Schulabschluss“ kann unterschiedlich definiert werden. Offiziell liegt kein Schulabschluss vor, wenn der im Herkunftsland erworbene Abschluss in Deutschland nicht anerkannt wird. „Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Schüler in der Türkei die Schule nach acht Jahren mit Zeugnis verlassen hat“, erklärt Arzu Pehlivan. „Die KAUSA-Landesstelle Hamburg unterstützt auch junge Menschen mit Migrationsgeschichte, die in Deutschland geboren sind und trotz Schulbesuch keinen Schulabschluss haben. Viele arbeiten erstmal in Helfertätigkeiten, bis sie dann nach 3 bis 4 Jahren merken, dass sie für eine Familiengründung einen sicheren Job brauchen, den sie durch eine Ausbildung bekommen.“
Insbesondere bei jungen Menschen mit eigener Fluchterfahrung bestehen multiple Problemlagen, weshalb die Ausbildungsfähigkeit oft nicht gegeben ist. So fehlen bei vielen Nicht-Schulpflichtigen ohne Schulabschluss die für eine Ausbildung erforderlichen Sprachkenntnisse und in einigen Fällen die Aufenthaltserlaubnis. Neben sozialen Problemen bestehen häufig finanzielle Schwierigkeiten aufgrund von Arbeitslosigkeit oder schlecht bezahlten Hilfsjobs.
Wie die Zielgruppe erreicht werden kann
Nicht-Schulpflichtige zu erreichen, ist eine große Herausforderung. „Wenn die Schulpflicht erfüllt ist, tauchen viele junge Menschen ab“, resümiert Lisa Heinen, Mitarbeiterin der KAUSA-Landesstelle Sachsen-Anhalt, in der Gruppendiskussion. „Im ländlichen Raum ist es besonders schwierig auf die Jugendlichen zuzugehen, weil es dort nur wenige Treffpunkte und Angebote gibt.“ „Die Menschen, die über 25 Jahre alt sind, können wir nicht mehr über die Hamburger Jugendberufsagentur ansprechen“, sagt Arzu Pehlivan.
Migrantische Communities und Multiplikatoren
Eine entscheidende Mittlerfunktion haben daher die migrantischen Communities, mit denen die KAUSA-Landesstelle Hamburg gut vernetzt ist. Für die Kommunikation mit ihnen ist es von Vorteil, dass die Mitarbeitenden der KAUSA-Landesstelle (bzw. ihre Familien) aus unterschiedlichen Herkunftsländern kommen und sie daher zahlreiche Sprachen fließend sprechen sowie mit vielen Kulturen vertraut sind.
„Community Speaker sind wie ein Rettungsring; sie helfen uns, bei der Zielgruppe anzudocken“, sagt Arzu Pehlivan. Gemeinsam mit einem Community Speaker, der eine Schlüsselfunktion in der Community einnimmt, lädt die KAUSA-Landesstelle zu Veranstaltungen ein, um über die duale Ausbildung und die Angebote der Regelinstitutionen zu informieren – unter anderem auf Türkisch, Dari/Farsi, Englisch, Arabisch, Spanisch oder Ukrainisch. Die Veranstaltungen bietet die KAUSA-Landesstelle digital oder in den Räumlichkeiten der Partner an, um niedrigschwellig eine Teilnahme für Interessierte zu erleichtern.
Arzu Pehlivan berichtet zudem über die erfolgreiche Kooperation mit dem Projekt MofA (Mobil für Ausbildung), welches der Verein „Arbeitsgemeinschaft selbstständiger Migranten“ (ASM e.V.), der Projektträger der KAUSA-Landesstelle, gemeinsam mit „Unternehmer ohne Grenzen e.V.“ durchführt. Über MofA werden Multiplikatoren und Schlüsselpersonen wie Sporttrainer erreicht, die einen Zugang zu Bezugspersonen von Jugendlichen ohne Schulabschluss haben. Diese können junge Menschen rund um das Thema Ausbildung informieren.
Eltern und Familien
Kontaktiert werden nicht nur die Jugendlichen selbst, sondern auch ihre Eltern und Familien. Gemeinsam mit der Jugendberufsagentur Hamburg bietet die KAUSA-Landesstelle für Eltern jährlich 12 bis 14 digitale Infoabende in verschiedenen Sprachen an, um über die duale Ausbildung und Fördermöglichkeiten zu informieren und den Eltern zu zeigen, wie sie ihre Kinder am Übergang Schule-Beruf begleiten können. Die Eltern erreicht die KAUSA-Landesstelle Hamburg durch verschiedene Strategien: „Wir holen Elternvereine ins Boot, werben über die Homepage der Jugendberufsagentur, suchen die Zielgruppe aber auch dort auf, wo sie ihren Alltag verbringt, unter anderem in Flüchtlingsunterkünften, in Moscheen oder afrikanischen Kirchengemeinden. Außerdem laden wir Eltern ein, die wir bereits beraten haben, und informieren über die Sozialen Medien.“
Respektvolle Ansprache
„Für junge Menschen ohne Schulabschluss bieten wir keine speziellen Veranstaltungen an. Das wäre entwürdigend. Zu unseren Angeboten sind alle eingeladen – mit und ohne Schulabschluss“, betont Arzu Pehlivan. „Infomaterial zur dualen Ausbildung und zu Förderinstrumenten stellen wir in einfachem Deutsch und in mehreren Sprachen zur Verfügung – auch in der Toolbox auf unserer Internet-Seite. Auf die individuellen Bedürfnisse gehen wir erst im persönlichen Gespräch ein.“
Wie Unternehmen für die Ausbildung von Menschen ohne Schulabschluss gewonnen werden können
Durch ein Praktikum überzeugen
Über ein Praktikum oder eine Einstiegsqualifizierung (EQ) können die Betriebe die jungen Menschen kennenlernen und feststellen, welche Potentiale die Ausbildungsinteressierten mitbringen und ob sie für eine Ausbildung geeignet sind. Im Berufsalltag zeigt sich beispielsweise, ob sie pünktlich und kommunikativ sind. Besonders im Handwerk ist ein Praktikum ein direkter Schlüssel zum Ausbildungsplatz, da manuelles Geschick, Zuverlässigkeit, Arbeitshaltung und Teamfähigkeit oft als wichtiger angesehen werden als ein Schulabschluss.
Neben dem Handwerk bieten Ausbildungsbetriebe im Einzelhandel oder in der Gastronomie jungen Menschen ohne Schulabschluss oftmals gute Chancen. „In Hamburg sind viele Ausbildungsstellen im Einzelhandel frei, beispielsweise an Tankstellen, in Handyshops oder in Bäckereien“, berichtet Arzu Pehlivan.
Migrantische Unternehmen als Ausbildungsbetrieb gewinnen
In vielen migrantischen Unternehmen jobben viele junge Menschen ohne Schulabschluss, die eine Ausbildung beginnen könnten. Die Mitarbeitenden der KAUSA-Landesstelle Hamburg suchen die Betriebe auf und bieten mehrsprachige Beratung und Begleitung an, sowohl für Betriebe als auch für potentielle Auszubildende. Anfangs werden die Vorteile und Entwicklungschancen einer Ausbildung sowie die erforderlichen Voraussetzungen aufgezeigt. Da die jungen Menschen bereits im Betrieb arbeiten, ist ein Kennenlernen nicht mehr erforderlich. Wegen ihrer eigenen Einwanderungsgeschichte sind viele Unternehmerinnen und Unternehmer offen für die jungen Menschen, die über geringe Sprachkenntnisse verfügen und besondere Unterstützung benötigen – auch wenn kein Schulabschluss vorliegt.
Persönliche Ansprache und Unterstützung der Betriebe
Eine langfristige, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Unternehmen und Kammern erleichtert die Vermittlung von jungen Menschen ohne Schulabschluss in ein Praktikum, eine Einstiegsqualifizierung oder eine Ausbildung.
Stefka Nikolov, Mitarbeiterin der KAUSA-Landesstelle Bayern, berichtet, dass die KAUSA-Landesstellen Kontakt zu vielen Betrieben pflegen. „Einige Betriebe nehmen auch deshalb Azubis, sogar wenn die Stellen nicht offiziell ausgeschrieben sind. Migrantengeführte Betriebe bieten oft spontan aus solidarischen Gedanken oder sozialer Verantwortung einen Ausbildungsplatz an – zum Beispiel, weil der Azubi aus der gleichen Migrantencommunity kommt und lange Zeit keine Ausbildung gefunden hat oder keinen Schulabschluss hat.“
Anja Nick-Sahnwaldt, BOFplus-Mitarbeiterin aus Mönchengladbach, bringt über Kollegen und bekannte Kontakte die jungen Menschen in Betrieben unter. „Es hilft viel, die Betriebe direkt anzusprechen und mit ihnen zu telefonieren. Außerdem ist es gut, die Betriebe zu unterstützen und administrativ zu entlasten, zum Beispiel wenn sie ein Praktikum anbieten wollen. Das ist gerade bei kleineren Unternehmen mit wenig Mitarbeitern wichtig.“
Ein Hinweis auf kostenfreie Unterstützungsangebote für Auszubildende kann die Unternehmen dazu ermutigen, trotz geringer Schulbildung eine Ausbildung zu ermöglichen.
Wie eine Ausbildung trotz geringer Schulbildung gelingen kann
Die KAUSA-Landesstelle Hamburg vermittelt in ein individuelles Ausbildungscoaching beim ASM e.V., um Ausbildungsabbrüchen frühzeitig entgegenzuwirken. Bundesweit bietet der Senior Expert Service (SES) über VerAplus eine ehrenamtliche Ausbildungsbegleitung an.
Es gibt mehrere kostenfreie Angebote von Institutionen, die die Ausbildung erleichtern. ASA flex ist ein Förderangebot der Bundesagentur für Arbeit, das Auszubildende und Betriebe bei schulischen, sprachlichen oder persönlichen Schwierigkeiten während einer Berufsausbildung oder Einstiegsqualifizierung unterstützt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bietet Berufssprachkurse für Auszubildende zur Sprachförderung vor und während der Ausbildung.
Entscheidend für eine gute Berufsausbildung sind kompetente Ausbilderinnen und Ausbilder, die die jungen Menschen fachlich und persönlich anleiten. Der Betrieb kann den Auszubildenden zudem Mentorinnen und Mentoren aus der Belegschaft als Begleitung im Arbeitsalltag oder bei Problemen zur Seite stellen. Besonders wichtig für die Motivation und den Ausbildungserfolg ist, dass die Auszubildenen das Lernen erlernen und dass ihr Selbstvertrauen gestärkt wird.
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Datenreport zum Berufsbildungsbericht