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Berufliche Orientierung bei psychisch belasteten Jugendlichen : Datum:

Wer im Überlebensmodus steckt, denkt nicht über die eigene Berufswahl nach. BeSOS ermöglicht psychisch belasteten Jugendlichen wieder eine Berufliche Orientierung. Auch pädagogisches Personal erlernt dabei Techniken der Selbstregulation.

Segelschiff mit möglichen Hilfen bei der Beruflichen Orientierung
© BeSOS – TU Bergakademie Freiberg CC BY-SA 4.0

Berufliche Orientierung ist ein zentraler Aspekt der Initiative Bildungsketten. Doch was ist, wenn diese bei einer bestimmten Gruppe von Jugendlichen nicht ankommt? Bei einer Befragung von über 80 Expertinnen und Experten aus Schule und Beruflicher Orientierung in Sachsen, kam ein eindeutiges Ergebnis zu Tage: Das System kennt viele Konzepte für schwieriges Verhalten, aber es gibt kaum Wissen darüber, was in einem gestressten Gehirn tatsächlich passiert.

Junge Menschen, die psychisch belastet sind, beispielsweise durch Streit zu Hause, Krankheit, Armut oder Fluchterfahrungen, befinden sich häufig in einem neurobiologischen Ausnahmezustand, dem sogenannten Überlebensmodus. Und in diesem Zustand läuft jedes Gespräch über Praktika, Berufsbilder oder Lebensziele ins Leere. Das Projekt BeSOS, das für „Berufsinstrumentarium zur Stärkung bzw. Wiederherstellung der beruflichen Orientierungsfähigkeit von Schülerinnen und Schülern mit psychischer Belastung" steht, setzt genau an dieser Stelle an. Es versteht sich nicht als zusätzliches Programm der Beruflichen Orientierung, sondern als die fehlende Voraussetzung dafür.

Die Segel setzen 

Im Modell von BeSOS wird dieser Zusammenhang über das Bild eines Segelschiffs anschaulich gemacht. Ganz unten im Schiffsbauch liegt die Kajüte, der Rückzugsort im Überlebensmodus. Wer dort feststeckt, ist zwar geschützt, aber führungslos. Das Leben geht weiter, doch die Jugendlichen steuern es nicht mehr selbst. Erst wenn die Schiffskarte zeigt, wo sie gerade stehen, also die Selbstwahrnehmung, und das Steuerrad wieder in der Hand liegt, also die Selbstregulation, lohnt sich der Aufstieg zum Ausguck. Er ist das Symbol für Berufliche Orientierung im eigentlichen Sinn, für den Blick zum Horizont, auf die eigene Zukunft. „Lebensmodus vom Überlebensmodus zurückversetzen“, so beschreibt Dr. Kristina Wopart, Traumatherapeutin und Direktorin der Graduierten- und Forschungsakademie der TU Bergakademie Freiberg, die Wirkungsweise des Projekts.

Diese Reihenfolge ist der Kern des BeSOS-Ansatzes für die Berufliche Orientierung. Selbstwahrnehmung und Selbstregulation sind hier kein zusätzlicher Baustein, sondern eine notwendige Vorstufe. Erst wenn ein Jugendlicher merkt, dass er gerade „im Krokodilmodus" ist, benannt nach dem Stammhirn, das in Stresssituationen die Kontrolle übernimmt, und über einfache Techniken wieder in einen ruhigeren Zustand findet, wird überhaupt Raum frei für Fragen wie „Was will ich werden?" oder „Was traue ich mir zu?".

Der konkrete Mehrwert für die Praxis

Für die Berufliche Orientierung ergeben sich daraus mehrere direkte Effekte.

Zunächst der Zugang zu vermeintlich unerreichbaren Jugendlichen. Manchmal reagiert ein Jugendlicher in der Beratung oder pädagogischen Begleitung aggressiv, verweigert sich oder sackt in sich zusammen. Mit den BeSOS-Techniken, etwa kurzen Atemübungen oder der sogenannten Stresspalme zur Selbsteinschätzung, lässt sich dann innerhalb weniger Minuten eine Gesprächsbereitschaft herstellen, die sonst gar nicht entstanden wäre. Die pädagogische Fachkraft muss dafür keine therapeutische Ausbildung mitbringen, denn die Techniken sind bewusst niedrigschwellig und in Sekunden anwendbar.

Die Wirkung reicht dabei über die einzelne Beratungssituation hinaus. Werden die Methoden über einen längeren Zeitraum eingesetzt, übernehmen Jugendliche die Techniken oft von selbst. Aus einer Erste-Hilfe-Maßnahme wird eine Alltagskompetenz, die weit über die Berufliche Orientierung hinausreicht und sich auch auf Prüfungssituationen, Bewerbungsgespräche oder den Umgang mit Rückschlägen im weiteren Berufsleben überträgt.

Auch die Beratungsqualität profitiert, weil Fachkräfte lernen, sich selbst zu regulieren. Der Überlebensmodus ist nämlich ansteckend. Eine gestresste Klasse überträgt ihre Anspannung auf die Lehrkraft oder Beratende, und umgekehrt. BeSOS schult deshalb ausdrücklich auch die Fachkräfte selbst darin, die eigene Anspannung zu erkennen und zu regulieren, bevor sie in ein Beratungsgespräch gehen. Das kommt direkt der Gesprächsqualität zugute.

Und schließlich wirkt der Ansatz präventiv statt stigmatisierend. Wird Selbstwahrnehmung als festes Ritual in den Alltag integriert, lassen sich Eskalationen häufig verhindern, bevor sie die Beziehung zwischen Jugendlichem und Fachkraft belasten. Das schafft die vertrauensvolle Grundlage, die für ehrliche Gespräche über berufliche Perspektiven nötig ist.

Wissenschaftlich fundierte Techniken

Die Rückmeldungen aus der Pilotierung in Sachsen sind ermutigend, gestützt durch Studien zu vergleichbaren Techniken. Bei der niederländischen Polizei etwa führten Atemübungen zu weniger eskalierenden Einsätzen. Und in einer Harvard-Studie verbesserte tägliche Kohärenzatmung bei Grundschulkindern die Herzratenvariabilität signifikant, mit Effekten, die Wochen später noch nachweisbar waren. Entscheidend für die Wirkung ist, dass Fachkräfte die Techniken selbst erprobt haben, dass sie ritualisiert in den Alltag eingebaut werden und dass die Einführung Zeit braucht. Hierfür stellt das Projekt eine Toolbox sowie verschiedene Materialien auf der Website zum freien Download bereit. Zudem gibt es Erklärvideos, die durch die einzelnen Techniken führen.

Resilienz über Berufliche Orientierung hinaus 

BeSOS hat nicht den Anspruch, die Berufliche Orientierung um ein weiteres Modul zu ergänzen, sondern schafft die Grundlage dafür, dass bestehende Angebote überhaupt wirksam werden können. Für Lehrkräfte, Praxisberaterinnen und Praxisberater sowie Berufsberatende der Arbeitsagenturen und die Jugendberufshilfe bedeutet das konkret, mehr Jugendliche zu erreichen, tragfähigere Gespräche zu führen und Kompetenzen zu vermitteln, die über den Moment der Beratung hinaus wirken. Denn erst wenn das Schiff wieder auf Kurs ist, richtet sich der Blick wieder zum Horizont, und die jungen Menschen können sich wieder auf ihre Berufliche Orientierung konzentrieren.

Links

besos-sachsen.de

BeSOS-Toolbox

Berufliche Orientierung begleiten – ein Podcast für Pädagoginnen und Pädagogen