Die Initiative Bildungsketten auf dem Handelsblatt-Kongress

25.11.2013 - 26.11.2013 | Berlin

„Der hat’s faustdick hinter den Ohren“ – Eine Berufseinstiegsbegleiterin und ihr Schützling geben dem Publikum des Handelsblatt-Kongresses „Wirtschaft und Schule – Partner für die Zukunft“ Einblick in ihre Bildungsketten-Erfolgsgeschichte.

Berlin, 25. November 2013. Fast 200 Augenpaare blicken neugierig auf den wohl jüngsten Teilnehmer im Saal: Marvin Strecker, 16 Jahre alt, Hauptschüler aus Neustadt am Rübenberge. Zusammen mit seiner Berufseinstiegsbegleiterin (BerEb) Kristina Schwarz steht er auf der Bühne, und gemeinsam erzählen sie von ihren Erfahrungen mit der Berufseinstiegsbegleitung der Initiative Bildungsketten.

Die Initiative „Handelsblatt macht Schule“

Unter dem Motto „Berufsorientierung – die große Herausforderung“ ging der Handelsblatt-Jahreskongress „Wirtschaft und Schule – Partner für die Zukunft“ dieses Jahr in die zehnte Runde. Teilnehmende kamen aus Wirtschaft, Politik, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen.

Kristina Schwarz von der Pro Beruf GmbH und Marvin Strecker reihten sich in eine hochkarätige Rednerliste ein – bestehend aus Vertretern der Politik, wie Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung des Landes NRW, aus der Wirtschaft, wie Dr. Klaus Kinkel, Vorsitzender der Deutsche Telekom Stiftung, aus der Forschung, unter ihnen Bestsellerautor Prof. Dr. Gerald Hüther („Jedes Kind ist hoch begabt“) und Vertretern der Schule, wie Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

Stehen auf der Bühne und reden miteinander.
Im Themenblock „Berufseinstieg“ stellte Peter Thiele, Leiter des Referats Grundsatzfragen der beruflichen Aus- und Weiterbildung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, zunächst die Grundidee der Initiative „Abschluss und Anschluss – Bildungsketten bis zum Ausbildungsabschluss“ und des Sonderprogramms Berufseinstiegsbegleitung vor: „Ziel der Initiative Bildungsketten ist nicht, wieder ein neues Förderprogramm zu etablieren und  viel neues Geld in weitere Maßnahmen zu investieren, sondern  ausgewählte, erfolgreiche Instrumente sukzessiv entlang der Bildungsbiografie der Jugendlichen zu verzahnen und zu deren Systematisierung und nachhaltigen Verankerung im Regelsystem zu gelangen. Der bisherige Erfolg der Bildungsketten gibt uns Recht, weshalb wir die Initiative ab 2014 deutlich ausbauen werden.“ Und dabei betonte er: „Wir brauchen das starke Commitment der Wirtschaft, die als ein Glied in der Bildungskette eine entscheidende Rolle spielt.“

 

Mit Spülmittel Schlittschuh laufen

Kristina Schwarz erzählt von den Rahmenbedingungen und ihrem Tagesablauf als Berufseinstiegsbegleiterin – zum Beispiel, dass sie in ihrem Büro in der Schule ganztägig für die Jugendlichen und das Lehrkollegium ansprechbar ist und auch den Kontakt mit den Eltern pflegt. Sie erklärt den ersten Schritt in der Bildungskette: „Marvins Potenzialanalyse hat gezeigt: Er hat versteckte Potenziale. Die Lehrer sagen: Marvin ist so einer, der ist schlau, aber der hat’s faustdick hinter den Ohren. Der braucht jemanden, der ihn mal so ein bisschen geradezieht. Also haben wir das der Agentur für Arbeit vorgeschlagen und so war es möglich, dass Marvin mit mir zusammenarbeitet.“

Schwarz steht am Rednerpult, Marvin versetzt neben ihr, er redet und gestikuliert, sie schaut ihn an.
Schwarz und Marvin berichten von weiteren Etappen ihrer Zusammenarbeit: von den Lerngruppen und der Nachhilfe, damit Marvin den Hauptschulabschluss schafft, aber auch von kleinen Zwischenfällen im Schulalltag: „Marvin kam auf die Idee, mit Spülmittel auf dem Schulflur Schlittschuh zu laufen …“ Schwarz saß später mit in der Klassenkonferenz, als der Fall besprochen wurde. Man schloss Marvin von der Klassenfahrt aus und verpflichtete ihn zu einem Sozialdienst. „Daraufhin habe ich mich dafür eingesetzt, dass Marvin diesen sozialen Dienst in einem Krankenhaus in der Küche absolvieren darf. Letztendlich war das ein sehr lohnendes Praktikum, für das er auch ein hervorragendes Praktikumszeugnis bekommen hat.“

 

„Guten Tag, hier ist der Marvin“

Kristina Schwarz und Marvin haben auch gemeinsam die Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit besucht. Marvin wollte zwar zunächst Koch werden, doch als die Schule einen Ausflug zu einem großen Bauunternehmen aus der Region organisierte, „war das für Marvin Liebe auf den ersten Blick. Seither möchte er nämlich im Fachbereich Bau arbeiten.“ Natürlich hat Schwarz als BerEb mit ihm auch über die Nachteile des Berufs gesprochen, denn schließlich soll Marvin seine Berufswahl mit realistischem Blick treffen.

„Wir haben auch zusammen geübt, wie man sich bewirbt“, erzählt Marvin, und Schwarz ergänzt stolz: „Dann ist er selbstständig losgezogen und hat bei der riesengroßen Baufirma angerufen und hat gesagt ‚Guten Tag, hier ist der Marvin, ich möchte wieder ein Praktikum bei Ihnen machen.‘ Da hat’s auf jeden Fall Klick gemacht – da hat unsere Zusammenarbeit etwas gebracht.“ Und das auch ganz konkret: Nach dem Praktikum sagte der Betrieb Marvin einen Ausbildungsplatz zu.

Das Publikum entlässt das Tandem mit einem anerkennenden Applaus – denn Kristina Schwarz und Marvin haben mit ihrem Auftritt eine weitere, besondere Herausforderung gemeistert.

 

„Ich begegne den Jugendlichen auf Augenhöhe.“ Kristina Schwarz und Marvin Strecker im Gespräch mit www.bildungsketten.de

Die 35-jährige Diplom-Pädagogin Kristina Schwarz, Mitarbeiterin der Pro Beruf GmbH und seit 2010 Berufseinstiegsbegleiterin (BerEb) der Initiative Bildungsketten, arbeitet seit ihrer Studienzeit mit Jugendlichen im Übergang Schule-Beruf. Sie trägt Piercings und ist tätowiert – und bezeichnet sich selbst grinsend „Paradiesvogel“ des Schulkollegiums. Der von ihr betreute 16-jährige Marvin Strecker nennt sie respektvoll „Frau Schwarz“ – wobei sie, so erklärt er, als sie gerade nicht im Raum ist, „auch so ein bisschen etwas wie eine Freundin ist“. Das BerEb-Tandem im Interview mit der Servicestelle Bildungsketten.

Porträt: Beide stehen nebeneinander und lächseln in die Kamera
bildungsketten.de: Marvin, warst Du aufgeregt?


Marvin:
Hm, auf einer Skala von eins bis zehn ... zwanzig! Deswegen muss ich jetzt erst mal chillen (lacht).

bildungsketten.de: Erzähl mal – was hat Dir die Berufseinstiegsbegleitung bisher gebracht?

Marvin: Ich habe zum Beispiel bessere Noten in der Schule. Und ich habe gelernt, wie man Bewerbungen schreibt und für ein Praktikum bei einer Firma anruft. Wir haben das geübt: Frau Schwarz war die Firma und ich habe so getan, als ob ich anrufe. Ja … und zwei Minuten später habe ich dann wirklich in der Firma angerufen.

Schwarz: Ich habe noch ein paar Fallen eingebaut, damit er auch auf Unregelmäßigkeiten im Telefonat vorbereitet ist. Zum Beispiel 'Oh, da muss ich Ihnen den Personalchef geben, warten Sie mal ...' und dann musste er nochmal alles vortragen.

bildungsketten.de: Marvin, was wäre bei Dir anders gelaufen, wenn es Frau Schwarz nicht gegeben hätte?

Marvin: Nur negativ wär’s gelaufen. Ich hätte niemals dieses Praktikum in der Krankenhausküche gemacht. Ich würde in der Schule immer noch Sch… bauen oder jetzt schon von der Schule geflogen sein.

bildungsketten.de: Wie hat Frau Schwarz das denn geschafft?

Marvin: Alles fing damit an, dass wir Süßigkeiten bekommen haben …

Schwarz (lacht): Das sind nicht meine standardpädagogischen Methoden! Aber ich habe die Süßigkeiten hingestellt und so kamen die Schüler immer mal vorbei, um sich in der Pause ein Bonbon zu holen. Und so hab‘ ich sie immer mal ins Gespräch verwickelt: Na, wie war jetzt diese Stunde und was haste jetzt wieder angestellt – und was ist gut gelaufen? Die Süßigkeiten – das war zum 'Kinder fangen' ...

Marvin: Hat funktioniert! Außerdem hat Frau Schwarz den besten Humor überhaupt. Und sie ist nicht so streng. Ein bisschen streng, das ist schon ok, aber nicht zu streng. Sagen wir: 20 Prozent streng, der Rest Spaß.

Schwarz: Ich habe auch eine lockerere Position als der Lehrer. Ich stehe ja einer einzelnen Person gegenüber und muss keine 25 Leute bändigen, da kann man schon mal lockerer sein und 'nen Scherz machen. Und ich begegne den Jugendlichen auf Augenhöhe. Ich nehme sie ernst in ihren Belangen und sage nicht 'das ist jetzt pubertärer Mist', sondern ich rede mit ihnen darüber. Ich versuche, nah an den Schülern dran zu sein und das, was sie bewegt, empathisch nachzuvollziehen. Ich bin einfach ehrlich und authentisch zu den Schülern.

bildungsketten.de: Seid ihr hier auf dem Kongress angesprochen worden?

Schwarz: Die Leiterin eines Gymnasiums hat uns angesprochen und Marvin sehr gelobt. Sie hat sich dann versucht vorzustellen, welcher von ihren Schülern vielleicht fähig gewesen wäre, sich da oben hinzustellen, und fand es beachtlich, wie gut er sich vor so vielen Leuten präsentiert hat.

bildungsketten.de: Was nehmt ihr vom heutigen Tag mit?

Marvin: Dass ich keine Angst mehr haben muss, vor vielen Leuten zu reden.

Schwarz: Es war auf jeden Fall schön zu sehen, wie sich Marvin von dem eher kleinen und schüchternen Chaoten, der er früher war, weiterentwickelt hat. Jetzt ist er sehr 'outgoing', kann sich präsentieren und reißt die Herzen der Zuschauer mit sich. Ja, Marvin ist schon ... ein Erfolgsmodell (lächelt stolz).

bildungsketten.de: Wie geht es jetzt weiter?

Schwarz: Im Mai oder Juni sind die Hauptschul-Abschlussprüfungen. Darauf werden wir uns jetzt vorbereiten. Dann reichen wir noch eine offizielle Bewerbung bei dem Betrieb ein, bei dem Marvin seine Ausbildung machen will. Das wäre dann ab August oder September 2014.

bildungsketten.de: Noch ein Wort zum Abschluss?

Schwarz: Ich finde es fantastisch und fühle mich wahnsinnig geehrt, auf diesen Kongress eingeladen worden zu sein.

Marvin: Mir geht’s genauso.

bildungsketten.de: Vielen Dank für das Interview.

 

Text und Interview: Anne Gassen

Ansprechpartner

  • Bundesinstitut für Berufsbildung, Arbeitsbereich 4.4, Servicestelle Bildungsketten

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    • Michael Schulte
    • Telefonnummer: 0228 107-2336
    • E-Mail-Adresse: michael.schulte@bibb.de