Berufseinstiegsbegleitung – „Eine verlässliche Größe für unsere Schule“

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Jens Drescher: Schulleiter der Karl-Drais-Schule in Hirschberg/Heddesheim
Lehrer, Schüler und Eltern wissen das Angebot zu schätzen: Die Karl-Drais-Schule in Hirschberg/Heddesheim bei Mannheim hat gute Erfahrungen mit der Berufseinstiegsbegleitung gemacht. Startschuss war im Schuljahr 2010/2011. Nach knapp einem Jahr zieht Rektor Jens Drescher ein Fazit. Und er erklärt, wie das Sonderprogramm zum Erfolg wird.

bildungsketten.de: Herr Drescher, seit November 2010 nimmt Ihre Schule am Sonderprogramm Berufseinstiegsbegleitung Bildungsketten teil. Zehn Schülerinnen und Schüler wurden für das Projekt ausgewählt. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Drescher: Wir haben sehr positive Erfahrungen gemacht. Wesentliche Vorteile sehe ich bei der Unterstützung der geförderten Schülerinnen und Schüler. Zum Beispiel die Zeit, die zur Verfügung steht: Unsere Berufseinstiegsbegleiterin Silvia Groß arbeitet mit jedem Schüler jede Woche mindestens eine halbe Stunde, sie arbeitet konzeptionell an deren Stärken, Schwächen und Kompetenzen. Diese Zeit steht uns als Lehrer im Schulalltag so nicht zur Verfügung.

Hervorragend ist auch die langfristige Zusammenarbeit. Die Berufswegeplanung an unserer Schule wird durch die Berufseinstiegsbegleitung verstärkt, so dass unsere Schüler bis zum Ende der Berufsausbildung begleitet werden. Es ist enorm wichtig, mit diesen Instrumenten eine verlässliche Größe zu haben.

bildungsketten.de: Was hat die Berufseinstiegsbegleitung bei den geförderten Jugendlichen positiv verändert?

Drescher: Den Schülern wird vor Augen geführt, wie wichtig die Berufsfindung für sie ist. Da kommt jemand wie Frau Groß von außen, nimmt sich Zeit und bespricht mit ihnen diesen wichtigen Prozess der Berufsfindung. Gleichzeitig vernetzt Frau Groß die Elternhäuser mit der Schule. Dadurch haben die Schüler weniger Möglichkeit, das Thema wegzuschieben. Und die Schüler nehmen ihre eigenen Stärken und Schwächen bewusster wahr.

bildungsketten.de: Was halten Schüler, Lehrer und Eltern von der Berufseinstiegsbegleitung?

Drescher: Die Schüler sehen in der Berufseinstiegsbegleitung eine große Chance, dass sie von einer Fachkraft unterstützt werden. Für sie ist es eher eine Ehre, an dem Programm teilzunehmen. Auch für die Lehrer ist es eine Riesenhilfe, wenn Frau Groß zum Beispiel auf Pünktlichkeit und ordentliche Hefte bei den Schülern achtet. Von den Eltern habe ich ebenfalls nur positive Rückmeldungen erhalten.

bildungsketten.de: Zu Beginn der Berufseinstiegsbegleitung steht in Baden-Württemberg die Kompetenzanalyse Profil AC. Dabei erfassen geschulte Beobachter die Schlüsselkompetenzen der jungen Menschen. Wie geht Ihre Schule mit den Ergebnissen der Analysen um?

Drescher: Wir versuchen sicherzustellen, dass alle unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrer auf die Ergebnisse zugreifen und diese im Unterricht umsetzen können. Wenn es zum Beispiel um das handwerkliche Geschick eines Schülers geht, wird der Techniklehrer gebeten, den Schüler an der Werkbank genau anzuleiten. So kann der Schüler gezielt seine praktischen Fähigkeiten ausbauen. Kompetenzen wie Teamfähigkeit erlernen die Schüler im regulären Unterricht, aber auch in Arbeitsgruppen und Projekten.

bildungsketten.de: Wie nutzen Sie die Ergebnisse für die individuellen Förderstunden?

Drescher: Für jeden Schüler versuchen wir maßgeschneidert zu analysieren, wo er oder sie steht. Bei Bedarf stellen wir Aufgaben, die die Schüler eigenständig bewältigen können. Das sind unter anderem Lernspiele, die etwa bei Problemen im logischen Denken oder räumlichen Vorstellungsvermögen eingesetzt werden.

bildungsketten.de: Wie bereiten Sie die Lehrerinnen und Lehrer auf den richtigen Umgang mit der Kompetenzanalyse vor?

Drescher: In Baden-Württemberg dürfen nur fortgebildete Lehrkräfte die Kompetenzanalyse anwenden. Die Fortbildung findet sehr geordnet statt. Die Lehrer werden optimal vorbereitet. Dadurch kann die Schule die Kompetenzanalyse gut durchführen.
 

2. Teil: Tipp an andere Schulen: „Zugreifen.“

bildungsketten.de: Wie haben Sie die Berufseinstiegsbegleiterin Silvia Groß in den Schulalltag integriert?

Drescher: Frau Groß arbeitet sehr eng mit den Klassenlehrern der achten Klassen zusammen. Sie hat einen eigenen Raum am Standort Heddesheim. Sie spricht sich mit den Lehrern ab, wann die Schüler aus dem Unterricht zu ihr kommen können. Da gibt es bei der Planung viele Schnittmengen zu berücksichtigen. Oder sie tauscht sich mit den Lehrern zum Beispiel über Praktikumsbesuche der Schüler aus.

bildungsketten.de: Gab es bei den Lehrkräften Vorbehalte gegenüber der Berufseinstiegsbegleiterin?

Drescher: Nein. Wir haben uns schon früh auf den Weg gemacht, unsere Schule nach außen für Projekte zu öffnen. Wir sind eine offene Ganztagsschule, die viele Arbeitsgruppen anbietet, etliche Ehrenamtliche und Jugendbegleiter sind bei uns tätig. Zudem kommt es auf die Person an: Frau Groß ist besonders kooperativ und kommunikativ. Ich bin froh, dass wir sie haben.

bildungsketten.de: Falls es doch Probleme gibt – wie geht Ihre Schule damit um?

Drescher: Mir ist ein Fall eines Schülers bekannt, bei ihm wurde ein schlechtes Schriftbild festgestellt. Frau Groß hatte vorgeschlagen, ob er nicht mit dem Laptop schreiben könne, der Klassenlehrer war dagegen. Gemeinsam suchten sie dann nach einer Lösung. Bei uns herrscht kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander.

bildungsketten.de: Mehrere Institutionen sind vor Ort an der Berufseinstiegsbegleitung beteiligt – die Agentur für Arbeit Mannheim und der Internationale Bund, der Verbund Baden als Bildungsträger. Worauf kommt es bei der Zusammenarbeit an?

Drescher: Ganz wichtig ist die Vernetzung. Wir organisieren regelmäßige Treffen, wir sind ständig per E-Mail in Kontakt, wir stellen das Programm auf Elternabenden vor. Von Anfang an gab es Gespräche zwischen Frau Groß und den Partnern, um Aufgaben und Zuständigkeiten zu klären. Bewerbertraining zum Beispiel macht die Arbeitsagentur, ein anderer Partner hat es aber auch im Angebot. Wir legen fest, wer was erledigt. Doppelte Arbeitsabläufe lassen sich so vermeiden. Die Institutionen haben unterschiedliche Stärken, die sich sinnvoll ergänzen.

bildungsketten.de: Welche Rolle spielt die lokale Wirtschaft für die Berufseinstiegsbegleitung – wie ist die Zusammenarbeit mit Betrieben gestaltet?

Drescher: Wir sind relativ gut aufgestellt. Wir bieten verstärkt Praktika an für Schüler der sechsten bis neunten Klasse. Die Zusammenarbeit mit den Betrieben versuchen wir so zu gestalten, dass immer jemand von uns vor Ort ist, dass bei längeren Praktika der Lehrer den Praktikant besucht und Absprachen trifft, dass wir versuchen, Verlässlichkeit einzurichten. Dazu zählen auch unsere beiden Bildungspartnerschaften, die eine mit dem Autobauer DaimlerChrysler, die andere mit einem regionalen Altenheim. Das Bewusstsein hat sich verändert, denn die Unternehmen gehen teilweise auf uns zu. Für Betriebe ist es eine Riesenchance, einen Schüler im Praktikum kennenzulernen und festzustellen, dass er für die Berufsausbildung geeignet ist.

bildungsketten.de: Was würden Sie anderen Schulen empfehlen, um die Berufseinstiegsbegleitung zu einem Erfolg zu machen?

Drescher: Wenn eine Schule das Angebot zur Teilnahme am Sonderprogramm Berufseinstiegsbegleitung bekommt, sollte sie zugreifen. Ich war sofort neugierig. Ein Experte von außen in die Schule zu bekommen, der für unsere Schüler da ist – das ist für uns an der Schule ein durchweg positives Erlebnis.

Interview: Michael Schulte



 

Ansprechpartner

  • Bundesinstitut für Berufsbildung, Arbeitsbereich 4.4, Servicestelle Bildungsketten

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    • Telefonnummer: 0228 107-2336
    • E-Mail-Adresse: michael.schulte@bibb.de