"Die Assistierte Ausbildung eröffnet allen Jugendlichen, die Schwierigkeiten haben, die Chance auf eine normale Ausbildung"

Seit Mai 2015 gibt es das neue Förderinstrument der „Assistierten Ausbildung“ (AsA). Im Gespräch mit der Servicestelle Bildungsketten erläutert Ulrich Eberle, Leiter des Fachbereichs Förderung, Qualifizierung, ESF/EGF der BA, was die AsA ausmacht.

bildungsketten.de: In welchen Situationen steht die Bundesagentur für Arbeit (BA) Auszubildenden zur Seite?

Ulrich Eberle: Jugendliche kommen häufig in Konfliktsituationen auf die BA zu. Das können beispielsweise Spannungen im Ausbildungsbetrieb sein oder mit dem Ausbilder. Es kommt auch vor, dass der Jugendliche andere Vorstellungen bei der Auswahl des Berufes hatte oder Schwierigkeiten bei der Bewältigung des jeweiligen Lernstoffes hat. Das sind die Ansatzpunkte und Felder, an denen die BA mit ihrem Instrumentarium den Jugendlichen zur Seite stehen kann.

© privat / Ulrich Eberle

bildungsketten.de: Mit welchen Maßnahmen fördert die BA Jugendliche bei der Berufsausbildung?

Ulrich Eberle: Wir müssen hier unterscheiden zwischen Maßnahmen, die zu einer Berufsausbildung hinführen, und Maßnahmen, die während einer Ausbildung zum Tragen kommen. Wir haben für den Jugendlichen während der Ausbildung die sogenannten ausbildungsbegleitenden Hilfen (abH) und ganz neu die Assistierte Ausbildung. Die abH sollen den Jugendlichen bei fachlichen/theoretischen Defiziten oder bei Lernschwierigkeiten während der Ausbildung unterstützen. Konkret bedeutet das, dass der Jugendliche in den jeweiligen fachtheoretischen Themen unterstützt oder fachpädagogisch begleitet wird, wenn es Schwierigkeiten gibt.

bildungsketten.de: Sie erwähnten die Assistierte Ausbildung (AsA) bereits kurz. Was leistet die AsA und an wen wendet sie sich?

Ulrich Eberle: Das Ziel der Assistierten Ausbildung ist es, mit einer sehr umfassenden Betreuung benachteiligte junge Menschen – und auch die Ausbildungsbetriebe – bei der Eingliederung in eine normale Ausbildung zu unterstützen oder dies zu erleichtern. Gerade durch die Assistierte Ausbildung sollen neue betriebliche Ausbildungsmöglichkeiten für solche jungen Menschen erschlossen werden, für die eine Förderung mit den ausbildungsbegleitenden Hilfen nicht ausreicht. Durch diesen ganzheitlichen Ansatz – auch mit der parallelen Einbeziehung des Ausbildungsbetriebes – soll der Ausbildungserfolg bzw. der erfolgreiche Ausbildungsabschluss  besser erreicht werden. Mit der AsA sollen für junge Menschen die Chancen auf eine betriebliche Ausbildung erhöht werden. Das heißt, wenn es darum geht, eine Ausbildung im Echtbetrieb zu absolvieren, ist die AsA ein wichtiges Instrument.

bildungsketten.de: Vor allem förderbedürftige junge Menschen werden durch die AsA unterstützt. Von welchen Jugendlichen sprechen wir?

Ulrich Eberle: Der Gesetzgeber spricht abstrakt von Jugendlichen, die eine Lernbeeinträchtigung haben oder sozial benachteiligt sind. Zu den Lernbeeinträchtigten zählen junge Menschen ohne Hauptschulabschluss oder einen vergleichbaren Abschluss. Aber auch Jugendliche, die zwar einen Schulabschluss haben, aber bei denen erfahrungsgemäß verschiedene Defizite auftreten. Zu den sozial benachteiligten Jugendlichen zählen zum Beispiel junge Menschen, die schwerwiegende soziale Probleme haben im persönlichen Umfeld – mit der Familie beispielsweise. Sie bedürfen einer stärkeren Unterstützung.

bildungsketten.de: Die Unterstützung fällt demzufolge individuell aus und wird an die jeweiligen Bedarfe angepasst. Wie sehen die Maßnahmen für den Jugendlichen aus?

Ulrich Eberle: Die Assistierte Ausbildung geht von zwei Phasen aus. Einmal gibt es die Möglichkeit einer ausbildungsvorbereitenden Phase. Hier wird mit den Jugendlichen geschaut, welche Berufe für sie in Frage kämen, es werden Kompetenzen im Rahmen eines Profilings festgestellt und es gibt beispielsweise Bewerbungstrainings. Letztendlich wird gemeinsam mit den Jugendlichen versucht, einen geeigneten Ausbildungsplatz für sie zu finden. Während der ausbildungsbegleitenden Phase geht es insbesondere um die Stabilisierung des Ausbildungsverhältnisses, mit dem Ziel, die Ausbildung erfolgreich abzuschließen.

bildungsketten.de: Was sind konkrete Einzelmaßnahmen für die Jugendlichen?

Ulrich Eberle: Das hängt sehr stark von den jeweiligen Bedürfnissen und der Situation des Jugendlichen ab. Als erstes wird in der Regel ein Förderplan erstellt. Das heißt, es wird durch einen Träger festgestellt, was der Jugendliche ganz konkret an Unterstützung braucht. Das kann zum Beispiel ganz einfach nur Hilfe im Berufsalltag bedeuten. Aber auch eine Krisenintervention zwischen dem Ausbilder und dem Jugendlichen, wenn das nicht richtig funktioniert. Und es geht letztendlich auch um die Entwicklung von sozialen Kompetenzen. Während der Ausbildung gibt es zudem Stütz- und Förderunterricht zu den jeweiligen fachtheoretischen Inhalten zur Vorbereitung auf die Zwischen- und Abschlussprüfung.

bildungsketten.de: Die AsA sieht auch Unterstützung für die Unternehmen vor. Wie erfolgt diese?

Ulrich Eberle: Die Betriebe werden schon vor dem Abschluss des Ausbildungsvertrages bei der Auswahl des Jugendlichen unterstützt. Auch während der Maßnahme bis hin zum Ausbildungsabschluss werden sie im Bedarfsfall bei allen administrativen Aufgaben, die auf den Arbeitgeber – gerade Klein- und mittlere Betriebe – zukommen, unterstützt. Es kann aber auch soweit gehen, dass die Ausbilder zum Beispiel im Umgang mit sozial benachteiligten Jugendlichen gecoacht werden. Oder darin geschult werden, welche Strategien ich als Ausbilder habe, mit den Jugendlichen umzugehen.

bildungsketten.de: Wer kommt auf die BA zu – der Jugendliche oder der Betrieb?

Ulrich Eberle: Beides ist möglich. Wir sind in der Regel mit den Jugendlichen in sehr engem Kontakt. Wenn wir von vornherein feststellen, das ist ein Jugendlicher, der ohne die Hilfe keinen Ausbildungsplatz findet und der ohne unsere Hilfe keine Ausbildung durchhält, dann kann das auch durch die Arbeitsagentur gesteuert werden. Es kann aber auch sein, dass der Betrieb auf die Arbeitsagentur zukommt und sagt, wir haben hier einen Jugendlichen, mit dem haben wir Schwierigkeiten oder er hat selbst Probleme. Wir brauchen hier eine Unterstützungsmöglichkeit, um dann mit dem Jugendlichen gemeinsam zu überlegen, inwiefern man die Ausbildung absichern kann. Das sind schon zwei Wege. Zum Teil kann es aber auch sein, dass ein Berufsschullehrer auf uns zukommt und uns auf einen Jugendlichen mit Unterstützungsbedarf hinweist.

bildungsketten.de: Neben der AsA gibt es auch weitere Maßnahmen des Übergangs. Wie wird AsA mit anderen Maßnahmen verzahnt wie beispielsweise mit der Initiative Bildungsketten, bzw. wie setzt sie sich von anderen Maßnahmen ab?

Ulrich Eberle: Mit dem Bildungsketten-Ansatz wird das Ziel verfolgt, die Übergänge in die duale Ausbildung zu erhöhen und Ausbildungsabbrüche zu vermeiden. Letztendlich geht es bei der Initiative Bildungsketten darum, die Vielzahl der Instrumente auf Bundes- und auch auf Landesebene sinnvoll aufeinander abzustimmen. Beispiel: Wenn ich an das Bundesprojekt VerA – Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen denke, können sich die Maßnahmen ergänzen. Wenn ein Jugendlicher beispielsweise in einer Ausbildung von einem ehrenamtlichen Coach betreut wird und der ehrenamtliche Coach stößt - gerade was den Förderunterricht anbelangt - an die Grenzen seiner Unterstützungsmöglichkeit, dann kann er auch in eine Maßnahme der Assistierten Ausbildung aufgenommen werden, um die Betreuung zu intensivieren.

bildungsketten.de: Wie hat sich das Instrument bislang bewährt – wie sind die bisherigen Erfahrungen?

Ulrich Eberle: Das neue Instrument ist erst mit Wirkung zum 1. Mai 2015 in das Sozialgesetzbuch III (SGB III) aufgenommen worden. Die ersten Maßnahmen haben im August letzten Jahres begonnen. Die zweite Runde läuft gerade an, insofern sind die Erfahrungen noch relativ frisch. Wir haben aber festgestellt, dass es um die Akzeptanz der Arbeitgeber zu erhöhen, sehr konkreter und individueller regionaler Lösungen vor Ort bedarf. Die Arbeitsagenturen müssen mit den Gesprächspartnern vor Ort noch intensiver in Kontakt treten, um für Akzeptanz zu werben. Dazu muss man auch sagen, dass es sich bei dem Instrument noch um eine Art Probelauf handelt. Die Maßnahme ist erst einmal bis September 2018 befristet. Dann muss man sehen, ob es sinnvoll ist, das Instrument als Regelinstrument weiterhin in SGB III zu belassen. Wir gehen davon aus, dass im Laufe diesen Jahres insgesamt mehr als 10.000 Jugendliche in die Maßnahme eingetreten sind.

bildungsketten.de: Wo liegen die Hürden bei der Umsetzung der AsA?

Ulrich Eberle: Von Hürden kann man nicht sprechen. Die Einpassung in das bereits vorhandene vielfältige Instrumentarium ist nicht ganz einfach. Es muss sehr konkret – auch mit allen Partnern – eine Vorteilsübersetzung erfolgen. Das heißt, welche Vorteile hat der Betrieb, welche Vorteile hat der Jugendliche und wenn es gelingt, das zu forcieren, dann wird mit Sicherheit auch das Instrument noch besser genutzt werden. Nach meinem Dafürhalten ist die AsA ein sehr umfassendes Instrument, das den Vorteil hat, keine Ersatzmaßnahmen generieren zu wollen, sondern allen Jugendlichen, die Schwierigkeiten haben, die Chance auf eine normale Ausbildung zu eröffnen.

Interview: Carolin Jochum, Servicestelle Bildungsketten beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)