Neue Studie zur Berufsorientierung: Ohne Eltern geht es nicht

21.06.2017 | Bonn

Wie sieht eine neutrale Anlaufstelle für Eltern zur Berufsorientierung aus? Braucht es ein Informationsportal für Eltern? Oder gibt es schon alles? 60 Fachleute diskutierten über eine neue Studie zur Einbindung von Eltern in die Berufsorientierung.

Beim Fachgespräch „Elterneinbindung in Berufsorientierung und Übergang“ der Initiative Bildungsketten wurden vorläufige Ergebnisse der Studie „Aktivierungspotential von Eltern im Prozess der Berufsorientierung – Möglichkeiten und Grenzen“ des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung und des SOKO Instituts und darauf basierende Projektideen für die Elterneinbindung vorgestellt.

Um mehr über den Kenntnisstand und die Unterstützung durch Eltern im Prozess der Berufsorientierung zu erfahren, befragten die Wissenschaftler/innen über 1.000 Jugendliche ab Klasse 9, im Übergangsbereich und in der Ausbildung und rund 250 Eltern. Zusätzlich wurden weitere Akteure aus Praxis und Politik einbezogen: Lehrer/innen, Berufsorientierungsfachkräfte bei Bildungsträgern, Vertreter/innen von Kammern und Betrieben sowie Vertreter/innen aus den Kultusministerien der Länder. „Durch die Verknüpfung der Interviews von Jugendlichen und Eltern blicken wir aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Potenziale der Elterneinbindung“, erläuterte Bernhard Boockmann vom Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung.

Eltern verfügen über Grundlagen im Berufswahlprozess

Die Studie zeigt, dass die Grundlagen für eine erfolgreiche Begleitung im Berufswahlprozess durch die Eltern bestehen:

  • Sowohl Jugendliche als auch Eltern geben an, dass sie die Stärken und Schwächen ihrer Kinder kennen.
  • Kinder schätzen ihre Eltern als kompetent im Prozess der beruflichen Orientierung ein.

Unterschiede bei den wahrgenommenen Kenntnissen der Eltern zeigen sich etwa in Abhängigkeit der Bildung der Eltern oder wenn Jugendliche in Deutschland geboren sind. In diesen Fällen werden höhere Kenntnisse wahrgenommen. Zudem sehen die Jugendlichen ihre Eltern als wichtige Unterstützer in der Berufsorientierung, auch wenn Meinungsverschiedenheiten nicht selten auftreten.

Wenn es um die Kenntnisse von Angeboten der Berufsorientierung geht, deutet vieles darauf hin, dass die wahrgenommenen Kenntnisse von den tatsächlichen abweichen. Bekannt sind vor allem Infobörsen, Messen, Berufsorientierung außerhalb der Schule sowie Gesprächskreise und Elternabende. Eine Beteiligung von Eltern ist eher sporadisch, differiert aber von Angebot zu Angebot. Auch die befragten Fachkräfte sehen Eltern zwar gut in den Prozess der Berufsorientierung eingebunden, weisen ihnen aber keinen guten Überblick über die Angebote und eine eher geringe Beteiligung zu.

In der weiteren Auswertung der Befragungsergebnisse soll ermittelt werden, ob die Einbeziehung der Eltern einen feststellbaren Einfluss auf den Erfolg bei der Berufswahl hat.

Fachgespräch: „Eltern müssen keine Experten sein“

Ein Mann und eine Frau diskutieren.vergrößern
Podiumsdiskussion zu Möglichkeiten und Grenzen der Elterneinbindung.
Beim Fachgespräch waren sich die Teilnehmenden der Podiumsdiskussion darüber einig, dass Eltern eine zentrale Rolle im Berufswahlprozess ihrer Kinder einnehmen. Eltern müssen jedoch keine Berufsberatungsexperten sein. Wichtiger sei es, die Kinder selbstbewusst in diesem Prozess zu unterstützen, auch durch die Nutzung beratender Angebote.

Durchaus kritisch diskutierten die Teilnehmenden bestehende Projektansätze und neue Ideen zur Einbindung von Eltern in der Berufsorientierung. Zwar gibt es eine Vielzahl von Maßnahmen, diese werden aber nicht strukturiert angeboten und stehen nicht allen Eltern jederzeit zur Verfügung.

Eine Herausforderung sahen die Fachleute darin, Informationen für alle zur Verfügung zu stellen, dabei aber auch lokale Strukturen zu berücksichtigen. Gleichzeitig wurde betont, dass bei der Einrichtung von Beratungsangeboten auf die Heterogenität der Eltern als Zielgruppe geachtet werden müsste. Ein Angebot für alle Eltern schien den Teilnehmenden nur schwer umsetzbar.

Nicht nur die Heterogenität der Eltern stellt zentrale Angebote vor große Herausforderungen, auch regionale Unterschiede in der Berufsorientierung in den Bundesländern und sogar auf kommunaler Ebene machen einen Überblick schwierig. Wichtig für alle Angebote ist, dass sie die beteiligten Eltern motivieren, sich im Berufsorientierungsprozess ihrer Kinder zu engagieren. Eltern dürfen dabei aber keinesfalls bevormundet werden.

In Kleingruppen wurde über verschiedene Vorschläge der Elterneinbindung diskutiert.

Komplette Studie liegt im September 2017 vor

Die Studie „Aktivierungspotential von Eltern im Prozess der Berufsorientierung – Möglichkeiten und Grenzen“ des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung und des SOKO Instituts wird im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung durchgeführt. Abschließende Ergebnisse sollen im September 2017 vorliegen. Die Ergebnisse des Fachgesprächs werden in die Studie einfließen.

Am Fachgespräch nahmen 60 Fachleute aus Bund, Ländern, Kommunen, Bundesagentur für Arbeit, Bildungsdienstleistern und Elternvereinigungen teil.

Text: André Grabinski, Servicestelle Bildungsketten
Fotos: Michael Schulte, Servicestelle Bildungsketten