Bildungsketten-Werkstatt „Inklusionspraxis am Übergang Schule – Beruf“

11.07.2017 | Bonn

Wie gelingt die Inklusion von Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf oder mit Behinderung in Ausbildung? Welche Maßnahmen aus den Ländern eignen sich als Transfer? Vor welchen Herausforderungen stehen Akteure der Initiative Bildungsketten?

Rund 70 Expertinnen und Experten, Fachleute aus der Praxis und politische Vertreterinnen und Vertreter von Bund und Ländern diskutierten im Bundesbildungsministerium in Bonn am 11. Juli gemeinsam über Herausforderungen und Lösungsansätze zur Inklusion von Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf und Jugendlichen mit Behinderung in die Ausbildung im Kontext der Initiative Bildungsketten.

Verzahnte Angebote für junge Menschen durch kohärente Förderstrukturen

Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf sowie Jugendliche mit Behinderung finden als Zielgruppe durch unterschiedliche Instrumente und Maßnahmen in der Initiative Bildungsketten Berücksichtigung. In der Berufseinstiegsbegleitung partizipieren beispielsweise Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf. An gut 500 Förderschulen steht das Angebot zur individuellen Stärkung und Unterstützung durch einen persönlichen Coach auf dem Weg in die betriebliche Ausbildung zur Verfügung. Am Berufsorientierungsprogramm (BOP) des BMBF können grundsätzlich alle Jugendlichen teilnehmen, wie z. B. an den Werkstatttagen; das Programm setzt damit den Beschluss der Kultusministerkonferenz zur „Inklusive Bildung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in Schulen“ um.

In den Ländern werden die Instrumente und Module der Berufsorientierung breiter und universeller aufgestellt, um eine individuelle Sicht auf jeden jungen Menschen zu ermöglichen. Damit die Maßnahmen von Bund und Ländern für alle Jugendlichen besser miteinander verzahnt werden, fließen diese in die sog. Bund-Länder-Vereinbarungen ein. Diese strukturelle Weiterentwicklung ermöglicht allen Jugendlichen entsprechend ihren Voraussetzungen individuellen Zugang zum Bildungssystem.

Durch die Initiative Inklusion des BMAS ist ein Rahmen zur beruflichen Integration von schwerbehinderten Jugendlichen unter Berücksichtigung der regionalen und landesspezifischen Voraussetzungen geschaffen worden. Die Länder streben an eine Verstetigung der geschaffenen Angebote und Strukturen fortzuführen.

Ein Mann steht hinter einem Rednerpult vor einer weißen Wand. Auf dem Rednerpult steht Bundesministerium für Bildung und Forschung. Neben ihm sieht man ein Laptop.vergrößern
Björn Höltkemeier stellt Unterstützungsleistungen der Bundesagentur für Arbeit vor.
Bundesteilhabegesetz: der nächste Schritt zur Inklusion

Ein wichtiger Schritt zu mehr Inklusion ist das Ende 2016 verabschiedete Bundesteilhabegesetz (BTHG). Das Gesetz schafft mehr Möglichkeiten, höhere Prozesstransparenz und mehr Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderungen. Björn Höltkemeier, Senior Experte für Teilhabeleistungen und Recht im Bereich Rehabilitation bei der Bundesagentur für Arbeit betonte, dass die Unterstützung von Jugendlichen „so allgemein wie möglich, so speziell wie nötig“, gehalten werden sollte. Trotz vieler Unterstützungsleistungen für Jugendliche, aber auch für Arbeitgeber, sei es weiterhin notwendig Vorbehalten und Skepsis zu begegnen und vorhandene Barrieren nach und nach abzubauen.

Die Teilnehmenden sind sich einig, dass im Bereich Inklusion schon einiges auf den Weg gebracht wurde, insbesondere mit Blick auf die berufliche Orientierung in der Schule. Es besteht aber auch weiterhin viel Handlungsbedarf, vor allem am Übergang von der Schule in eine Ausbildung.

Thematische Vertiefung in Arbeitsgruppen

Was funktioniert bereits gut? Welche Maßnahmen eignen sich, ausgebaut und übernommen zu werden?

In drei verschiedenen Arbeitsgruppen diskutierten die Teilnehmenden anhand der verschiedenen Phasen in der Bildungskette über unterschiedliche Ansätze in den Ländern zur Inklusion von Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf und Jugendlichen mit Behinderung.

Andrea Herrmann und Dr. Veit Sorge stellen die inklusive Berufs- und Studienorientierung Bremen vor.
In der ersten Arbeitsgruppe ging es schwerpunktmäßig um das Thema „Inklusive Berufs- und Studienorientierung“. Andrea Herrmann und Dr. Veit Sorge von der Senatorin für Kinder und Bildung in Bremen stellten eine inklusive Berufs- und Studienorientierung als ein schulisches Leitprinzip in der Hansestadt vor. Fast alle Kinder werden inklusiv beschult, für wenige Fälle werden weiterhin spezielle Schulen vorgehalten. Aus der Richtlinie zur Berufsorientierung an allgemeinbildenden Schulen leitete das Land konzeptionelle Überlegungen zur spezifischen Berufsorientierung von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf ab und traf Absprachen mit den Reha-Beratungen der Agentur für Arbeit zur gezielten Berufsberatung der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

Anke Schröpfer aus dem Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport und Jürgen Vogel von der Jugendberufshilfe Thüringen e. V. stellten mit PraWO plus einen Ansatz vor, wie ein Land Strukturen, die im Rahmen der Initiative Inklusion entwickelt wurden, in eigener Verantwortung fortführt. Thüringen setzt PraWO plus zur beruflichen Orientierung von Förderschülerinnen und Förderschülern mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung sowie von Schülerinnen und Schülern mit Körper- und Sinnesbehinderungen als Bestandteil der Schülerförderrichtlinie des Freistaates Thüringen um.

An einem langen Tisch sitzen drei Männer und ein Frau. Die Frau diskutiert gerade während ihr die Männer zuhören.vergrößern
Angeregter Austausch über Maßnahmen im Übergangsbereich.
Der Fokus der Arbeitsgruppe „Inklusive Ausbildungsvorbereitung“ lag auf der Frage, welche Perspektiven junge Menschen mit sonderpädagogischem Förderbedarf und Jugendliche mit Behinderung im Anschluss zu Maßnahmen im Übergangsbereich haben. In Rheinland-Pfalz werden Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen im Berufsvorbereitungsjahr bei Bedarf von Integrationsfachdiensten individuell begleitet. Angelika Schaub vom Ministerium für Bildung Rheinland-Pfalz und Jan Reifenberger vom Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen Mainz e.V. stellten den Ansatz vor.

Hartmut Sturm vom Hamburger Institut für Berufliche Bildung erläuterte das Projekt „dual & inklusiv“ in Hamburg: In drei Teilprojekten wurden Maßnahmen für junge Menschen mit Behinderungen oder mit sonderpädagogischem Förderbedarf konzeptionell entwickelt und erprobt:

  • für die Berufs- und Studienorientierung an Stadtteilschulen,
  • in der dualisierten Ausbildungsvorbereitung (Av-Dual) sowie in ausgewählten Ausbildungsberufen.

So lernen in der inklusiven dualisierten Ausbildungsvorbereitung die Jugendlichen, die noch nicht berufswahlentschieden sind, drei Tage in der Woche mit Unterstützung von Arbeitsassistenzen im Betrieb und zwei Tage an einer berufsbildenden Projektschule.

Zwei Projekte werden in der Arbeitsgruppe 3 vorgestellt.
In der Arbeitsgruppe „Flexibilisierung der Ausbildung“ diskutierten die Teilnehmenden anhand der vorgestellten Projektbeispiele TrialNet und „Trägergestützte Inklusive Ausbildung“ (TINA) darüber, ob und wie junge Menschen mit modularen Ansätzen und Lernortkooperationen eine bessere Anschlussperspektive auf Inklusion in den regulären Arbeitsmarkt haben.

Beim Modellprojekt TINA können Auszubildende den Lernort je nach Lernfortschritt und individuellem Unterstützungsbedarf wechseln. Dabei sind folgende Ausbildungsformen möglich: integrativ, betriebsnah, kooperativ oder betrieblich. Das Projekt, das aktuell von drei Berufsbildungswerken durchgeführt wird, stellte Andrea Geiß, Leitung Ausbildung/BvB am Sankt Elisabeth, dem Berufsbildungs- und Jugendhilfezentrum der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Augsburg, vor. Die Bewilligung der Maßnahme erfolgt durch die Reha-Beratung der zuständigen Agentur für Arbeit.

Im Projekt TrialNet wurde die Ausbildung junger Menschen mit Behinderung mit Hilfe von Ausbildungsbausteinen erprobt. Dr. Matthias Kohl vom Forschungsinstitut Betriebliche Bildung gemeinnützige GmbH veranschaulichte, wie durch Ausbildungsbausteine und modulare Strukturen eine flexiblere und betriebsnähere Gestaltung der Ausbildung jugendlicher Rehabilitanden ermöglicht wird und die Durchlässigkeit zwischen unterschiedlichen Lernorten und Teilhabeleistungen erreicht werden kann. Ein zentrales Projektziel war, den Kreis der zur Ausbildung von Jugendlichen mit Behinderung bereiten Betriebe zu erweitern. Carsten Hotel, Lehrer an der Berufsschule Don Bosco in Würzburg, und sein Schulleiter Dr. Harald Ebert waren von den Ergebnissen des Projekts so überzeugt, dass die modularen Strukturen in der Ausbildung beibehalten wurden.

Drei Frauen und ein Mann stehen vor zwei Stehtischen. Eine Frau hält ein Mikrophon in der Hand, die anderen drei hören ihr zu.vergrößern
Diskussionsrunde zu den Themen und Ergebnissen der Arbeitsgruppen.
In der abschließenden Diskussionsrunde mit Angelika Schaub, Ministerium für Bildung des Landes Rheinland-Pfalz, Dr. Veit Sorge, Die Senatorin für Kinder und Bildung Bremen und Hartmut Sturm, Hamburger Institut für Berufliche Bildung wurden die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen nochmals aufgegriffen und vertieft. Als zentrale Herausforderungen für die Zukunft nannten die Diskutanten unter anderem die Schaffung von Kooperationsstrukturen die alle Rechtskreise der Sozialgesetzbücher (SGB) einschließen und die inklusive Gestaltung der Berufsschulen. Dem Plädoyer aus Bremen Inklusion nicht als ein Angebot für Jugendliche mit Behinderung zu sehen, sondern vielmehr allen Jugendlichen individuell und ihren persönlichen Stärken, Schwächen und Wünschen entsprechende Angebote zu machen, stimmten Diskutanten und Zuhörer gleichermaßen zu.

Text und Fotos: Carolin Jochum, Servicestelle Bildungsketten

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