Hamburg stärkt Berufs- und Studienorientierung

04.10.2017 - 05.10.2017 | Hamburg

Neue Angebote unterstützen Hamburger Schülerinnen und Schüler bei der Berufsorientierung. Dazu zählt die verstärkte Berufsorientierung an den gymnasialen Oberstufen der Stadtteilschulen, Gymnasien und Beruflichen Gymnasien sowie die Potenzialanalyse.

Über 300 duale Ausbildungsberufe, mehr als 17.000 Studiengänge und rund 1.500 duale Studiengänge machen Jugendlichen die Berufswahl nicht leicht – ganz gleich, ob es sich um Schülerinnen und Schüler handelt, die nach der Sekundarstufe I die Schule verlassen, oder um Abiturientinnen und Abiturienten.

Mit der gemeinsamen Vereinbarung haben die Bundesregierung, die Hansestadt Hamburg und die Bundesagentur für Arbeit eine enge Zusammenarbeit und eine Abstimmung ihrer Förderinstrumente und Maßnahmen beim Übergang Schule – Beruf im Rahmen der Initiative „Abschluss und Anschluss – Bildungsketten bis zum Ausbildungsabschluss“ verabredet. Gemeinsames Ziel ist es, für jeden Jugendlichen die Voraussetzung für einen nahtlosen Übergang von der Schule in den Beruf zu schaffen – dazu zählen auch verbindliche Maßnahmen der Berufsorientierung wie verstärkte Angebote an gymnasialen Oberstufen, aber auch die sogenannte prozessorientierte Hamburger Potenzialanalyse (phP).

Verbindliche Angebote für Berufsorientierung an gymnasialen Oberstufen

Mittlerweile liegt der Anteil der Abiturientinnen und Abiturienten in Hamburg bei über 50 Prozent. Sie stellen damit die größte Schülergruppe bei den Schulabgängern der allgemeinbildenden Schulen dar. Die veränderten Bildungsaspirationen der Schülerinnen und Schüler und die zunehmend heterogene Schülerschaft stellen die Berufsorientierung an Gymnasien und Stadtteilschulen vor Herausforderungen, für die es konzeptionelle Lösungen zu entwickeln gilt.

Hamburgs Schulen bieten seit den vergangenen Jahren vermehrt vielfältige Angebote zur Berufs- und Studienorientierung in der gymnasialen Oberstufe an. Dazu zählen beispielsweise Projektwochen, Bewerbungstrainings oder Besuche von Berufsmessen, Betrieben oder Universitäten. Mit einem neuen Berufsorientierungskonzept soll auf die bereits existierenden Maßnahmen aufgebaut und ein verbindlicher konzeptioneller Rahmen geschaffen werden.

Vorstellung des Rahmenkonzeptes - Berufsorientierung an gymnasialen Oberstufen

Senator Ties-Raabe steht hinter einem Rednerpult. Er lächelt freundlich.vergrößern
Senator Ties Rabe stellte das neue Berufsorientierungskonzept an gymnasialen Oberstufen vor.
Das Hamburger Rahmenkonzept „Berufsorientierung in der gymnasialen Oberstufe“ stellte Senator Ties Rabe, Behörde für Schule und Berufsbildung, Anfang Oktober 2017 im Rahmen einer Auftaktveranstaltung vor. „Jugendliche sollen sich ihrer Stärken und Schwächen bewusst werden. Die Schule trägt wesentlich dazu bei, die Schülerinnen und Schüler auf das Leben vorzubereiten“, so Ties Rabe. Ungewöhnlich viele Abiturientinnen und Abiturienten würden nach der Schule trotz guter Noten erstmal nichts machen. „Danach kommt bei den Jugendlichen vieles Durcheinander“, erklärte der Senator weiter.

Anhand des Rahmenkonzepts, zu dem ein Kerncurriculum mit festgelegten Kompetenzen sowie die Benotung der Lernleistungen gehören, entwickeln ab diesem Schuljahr Stadtteilschulen, Gymnasien und Berufliche Gymnasien ihre schulischen Curricula weiter. Mit der Erprobung der weiterentwickelten Konzepte soll dann ab dem Schuljahr 2018/2019 diese verstärkte Berufsorientierung verbindlich an allen gymnasialen Oberstufen umgesetzt werden. Es ist geplant, dass die Berufsorientierung im Unterricht der Studienstufe mindestens 34 Unterrichtsstunden umfasst.

Jugendliche sollen fundierte Berufswahlentscheidung treffen

Podiumsdiskussion über die Einführung neuer Berufsorientierungsmaßnahmen an gymnasialen Oberstufen.
In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Ties Rabe, Senator, Thomas Fröhlich, Hauptgeschäftsführer Unternehmensverband Nord, Ingo Schlüter, Stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbund Nord, Sven Nack, Schulleiter der Stadtteilschule Süderelbe, Grit Behrens, Operative Geschäftsführerin der Arbeitsagentur, Andre Mücke, Vizepräses der Handelskammer sowie Joseph Katzer, Präses der Handwerkskammer, wurde deutlich, dass Schülerinnen und Schüler an gymnasialen Oberstufen bei der Entwicklung ihrer individuellen Berufs- und Studienwahl bestmöglich unterstützt werden sollen, damit sie bereits mit Erhalt ihres Schulabschlusses eine begründete Berufs- bzw. Studienwahlentscheidung treffen und umsetzen können. Joseph Katzer, Präses der Handwerkskammer, betonte, dass eine umfassende Berufsorientierung wichtig sei und dies auch Informationen über die Chancen und Möglichkeiten der dualen Ausbildung umfassen sollte. Das Abitur bedeute nicht, wie beim pawlowschen Reflex, automatisch ein Studium, sondern auch die duale Ausbildung stelle eine wichtige Form der Bildung und berufliche Perspektive dar – auch für Abiturientinnen und Abiturienten.

Die Schülerinnen und Schüler sollen sich daher an gymnasialen Oberstufen vertiefend über ihre Interessen, Stärken und Fähigkeiten klarwerden, Kenntnisse über die Arbeits- und Berufswelt sowie realistische Bildungs-, Einkommens- und Karrierechancen erwerben und über Bewerbungsverfahren für Berufsausbildung und Studium informiert werden. Entsprechend ihrer Interessenslage sollen sie Berufsfelder kennenlernen und sich in Expertengespräche mit Vertreterinnen und Vertretern von Betrieben, Hochschulen, Verbänden, Kammern oder Gewerkschaften austauschen.

Stärken entdecken mit dem Parcours „Zukunft jetzt!“

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Nina und Ben beim Testen ihrer kreativen Ader.
Ben und Nina sind zwei von insgesamt 25 Schülerinnen und Schülern der achten Klasse der Julius-Leber-Schule, die zu Beginn des neuen Schuljahres am Modul „Zukunft jetzt! Entdecke deine Stärken“ teilgenommen haben. Das Modul ist für die Stadtteilschulen verpflichtender Bestandteil der Berufsorientierung und Teil der prozessorientierten Hamburger Potenzialanalyse (phP), die im Schuljahr 2016/2017 eingeführt wurde. Auch Gymnasien können an „Zukunft jetzt! Entdecke deine Stärken“ teilnehmen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert über die Bildungsketten -Vereinbarung dieses Modul bis zum Schuljahr 2019/2020 jährlich mit bis zu 880.000 Euro. Damit unterstützt der Bund die Hansestadt bei der Einführung eines nachhaltigen Berufswahlprozesses in den Jahrgangsstufen 8, 9 und 10.

„Die Schülerinnen und Schüler durchlaufen in dem fünf- bis sechsstündigen Parcours sechs verschiedene Stationen, um ihre Stärken und Talente durch praxisnahe Übungen zu entdecken. Es soll ihnen helfen, ihre Potenziale zu entfalten und später durch weitere Berufsorientierungsmodule zu vertiefen. Wir wollen damit bei den Jugendlichen Neugierde und Motivation für die schrittweise Auseinandersetzung mit den eigenen beruflichen Neigungen und Potenzialen wecken“, so Anke Beissert, Referentin für Schulprojekte von der Jugendbildung Hamburg gGmbH.

Kennenlernen verschiedener Interessensbereiche

Schüler Paul simuliert ein Verkehrsopfer an der Station zur sozialen Orientierung.
Die Schülerinnen und Schüler lernen verschiedene Interessensbereiche kennen. Ben und Nina testeten im künstlerisch-sprachlichen Bereich ihre Kreativität und gestalteten eigens kreierte Buttons, Schüler Paul durfte bei der sozialen Orientierung den Umgang mit Verletzten simulieren. Weitere Bereiche sind die praktisch-technische Orientierung, intellektuell-forschende Orientierung, führend-verkaufende Orientierung sowie verwaltend-ordnende Orientierung.

An den jeweiligen Stationen werden zum einen fachliche Kompetenzen wie räumliches Vorstellungsvermögen und überfachliche Kompetenzen wie Teamfähigkeit erfasst und bewertet. Nach jeder Station müssen die Jugendlichen einen Bogen ausfüllen und sich selbst einschätzen, werden aber zugleich auch durch die Betreuerinnen und Betreuer an der jeweiligen Station bei den Übungen beobachtet und anschließend eingeschätzt. Am Ende des Tages werden die Ergebnisse der Selbst- und Fremdbeobachtung in einem Auswertungsgespräch gemeinsam eruiert.

Mithilfe des Moduls „Zukunft Jetzt!“ werden die Schülerinnen und Schüler in einem ersten Schritt für ihre Stärken sensibilisiert. Im weiteren Berufswahlprozess sollen die Schülerinnen und Schüler durch die einzelnen aufeinander aufbauenden Module der prozessorientierten Potenzialanalyse herausfinden, welchen beruflichen Weg sie einschlagen wollen. Eines dieser Module sind die Hamburger Werkstatttage, bei denen Jugendliche über fünf Tage ihren Interessensbereich praktisch erproben und vertiefen können. Bei allen Modulen steht jedoch eins im Vordergrund: die Jugendlichen sollen mit Neugierde, Offenheit und Spaß an die Aufgaben herangehen.

Text und Fotos: Carolin Jochum, Servicestelle Bildungsketten