Berufsorientierung: Brandenburg weitet Praxislernen aus

09.11.2017 | Potsdam

Beim Praxislernen in Brandenburg findet ein Teil des Unterrichts außerhalb der Schule statt. Die Schüler/innen setzen ihr Wissen bei praktischen Tätigkeiten in Betrieben und Werkstätten ein. Ein Erfolgsmodell für die Berufs- und Studienorientierung.

Das Praxislernen ist eine fächerübergreifende Unterrichtsform mit besonderem Bezug zur Arbeitswelt für die Jahrgangsstufen 7 bis 10. Die jungen Menschen haben die Chance, Einblicke in die Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten in ihrer Region zu bekommen. Dabei ist der Schulunterricht an außerschulische Lernorte gekoppelt, zum Beispiel Unternehmen, überbetriebliche Berufsbildungsstätten, soziale oder öffentliche Einrichtungen. Dort lernen die Schüler/innen, ihr Schulwissen praktisch anzuwenden. Zu jeder praktischen Tätigkeit erhalten sie aus verschiedenen Fächern (zum Beispiel Deutsch, Mathematik und Chemie) eine individuelle Lernaufgabe, die den Unterrichtsstoff mit den Praxiserfahrungen verbindet.

vergrößern
Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst auf der Fachtagung zum Praxislernen.
Der Effekt: Das Praxislernen unterstützt die Entwicklung der Berufswahlkompetenz, fördert die Lernmotivation und erhöht zugleich die Chance auf einen Ausbildungsplatz. Teilnehmen können weiterführende allgemeinbildende Schulen sowie Schulen mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Lernen. In Brandenburg haben bislang 83 Schulen das Praxislernen erfolgreich eingeführt, weitere 16 Schulen bekundeten ihr Interesse.

In den vergangenen Jahren habe das Praxislernen mit Blick auf den Fachkräftemangel und demografischen Wandel an Bedeutung gewonnen, sagte Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst auf der Fachtagung „Praxislernen in Brandenburg. Sachstand und Perspektiven 2017“ am 9. November 2017 in Potsdam. Rund 130 Vertreter/innen aus Schule, Wirtschaft, Verwaltung und Politik sowie Fachkräfte der Berufs- und Studienorientierung diskutierten über ihre Erfahrungen mit dieser innovativen Form des fächerverbindenden Unterrichts.

Bundesbildungsministerium fördert Ausweitung des Praxislernens

Praxislernen hat in Brandenburg eine lange Tradition. Das Konzept zum Praxislernen wurde 1999 zunächst an 9 ausgewählten Schulen in Brandenburg eingeführt und erprobt. Nach der erfolgreichen Erprobungsphase und aufgrund zunehmender Resonanz seitens der Schulen wurde das Praxislernen auf weitere Schulen, insbesondere Oberschulen ausgeweitet.

Die Teilnehmer/innen diskutierten über ihre Erfahrungen mit dem Praxislernen.
Seit 2016 ist das Praxislernen Bestandteil der Landesstrategie zur Berufs- und Studienorientierung des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg. Es bildet mit Potenzialanalyse, Berufswahlpass und Schülerbetriebspraktikum die zentralsten Elemente für eine systematische und praxisorientierte Berufs- und Studienorientierung. Das Land Brandenburg hat sich zum Ziel gesetzt, das Praxislernen bedarfsgerecht auch auf Gesamt- und Förderschulen auszuweiten und insgesamt mehr Schulen sowie weitere Partner aus der Wirtschaft zu akquirieren. Dazu wurde die Koordinierungsstelle Praxislernen beim Verein „Netzwerk Zukunft. Schule und Wirtschaft für Brandenburg“ gegründet, der das Praxislernen mit entwickelt hat.

Das Bundesbildungsministerium (BMBF) fördert die Koordinierungsstelle Praxislernen bis 2018 mit rund 500.000 €. Grundlage ist eine Vereinbarung des Bundes mit dem Land Brandenburg und der Bundesagentur für Arbeit in der Initiative Bildungsketten. Ziel ist, Förderinstrumente zur Berufs- und Studienorientierung und zum Übergang Schule – Beruf aufeinander abzustimmen.

Qualitätskriterien: Mindestens 30 Unterrichtstage und drei Fächer

Die Koordinierungsstelle Praxislernen mit Sitz in Potsdam berät Schulen, die das Praxislernen in ihr Schulprofil neu integrieren oder ausbauen möchten, und stellt Unterrichtsmaterialien für das Projekt bereit. Die rechtlichen Grundlagen zur Umsetzung des Praxislernens sind in den Verwaltungsvorschriften zur Berufs- und Studienorientierung (VV BStO) vom 8. November 2017 des Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg festgelegt.

Qualitätskriterien sehen vor, dass die Schulen das Praxislernen fest in ihrem Schulprogramm verankern, an mindestens 30 Unterrichtstagen – verteilt auf bis zu zwei Schuljahre – mit je 6 Zeitstunden durchführen und mindestens drei Fächer beteiligt sind. Die Ergebnisse sollen im Berufswahlpass dokumentiert werden. Die Leistungen bei den Praxislernaufgaben in den beteiligten Fächern werden benotet.

Flexibles Konzept und praxisorientierte Lernaufgaben

Die Schulen haben die Freiheit, das Praxislernen konzeptionell und organisatorisch an ihr Schulprofil und die örtlichen Rahmenbedingungen anzupassen. Flexibel einsetzbar sind auch die Formen des Praxislernens, zum Beispiel an mehreren Tagen über das Schuljahr verteilt oder Blockwochen sowie Gruppen- und Einzelpraktika.

Lernaufgaben können für alle Unterrichtsfächer gestellt werden. Entscheidend ist, dass ein Bezug zur praktischen Tätigkeit hergestellt wird. Beispiele:

  • Praxislernplatz Kfz-Mechatroniker/in: Im Fach Mathematik/Physik berechnen die Schüler/innen Benzinverbrauch, Laufleistungen von Autoreifen und Fassungsvermögen von Ölfässern.
  • Praxislernplatz Buchhandel: Im Fach Wirtschaft-Arbeit-Technik beschreiben die Schüler/innen verschiedene Druckverfahren sowie Farben und Papierverbrauch.
  • Praxislernplatz Großwäscherei: Im Fach Englisch erläutern die Schüler/innen die Arbeitsabläufe und übersetzen zentrale Begriffe für ein Kundengespräch.

Enge Kooperation mit Betrieben

vergrößern
Schulleiterin Gudrun Lehmann stellte vor, wie Praxislernen an ihrer Schule abläuft.
Der Erfolg des Praxislernens beruht auf einer engen Kooperation zwischen Schulen und örtlichen Betrieben: Die Schulen organisieren den Unterricht, bereiten die Schüler/innen auf die Teilnahme vor und stimmen mit den Betrieben die Dauer des Praxiseinsatzes ab. Die Unternehmen stellen einen festen Ansprechpartner zur Verfügung, führen die Schüler/innen in die Arbeitsabläufe ein und liefern Informationen, die für die Bearbeitung der Lernaufgaben notwendig sind.

Durch die Teilnahme am Praxislernen kommen die Unternehmen frühzeitig mit ihrem potenziellen Fachkräftenachwuchs in Kontakt. Schüler/innen mit Erfahrungen im Praxislernen sind beruflich orientiert und motiviert.

„Mit dem Praxislernen verfügen wir in Brandenburg über ein besonderes Kooperationsmodell zwischen Schule und Wirtschaft. Der Praxislernansatz eignet sich in hervorragender Weise, den Schülerinnen und Schülern unter Berücksichtigung ihrer persönlichen Interessen und ihres Entwicklungsstandes die Möglichkeit zu geben, im wirklichen Leben zu lernen und hierbei personale und soziale Kompetenzen zu entwickeln sowie Kenntnisse über die Anforderungen der Arbeitswelt zu erwerben. So erleben Schülerinnen und Schüler schon in der Schule, wofür sie lernen“, sagt Birgit Nix, kommissarische Leiterin des zuständigen Referats im Brandenburger Bildungsministerium.

Text: Michael Schulte, Servicestelle Bildungsketten
Fotos: (c) NWZ-PXL „all rights reserved“

Dokumente