Ausbildung oder Studium – welcher Weg ist der richtige für mich?

Das Verbundprojekt VerOnika unterstützt junge Menschen seit April 2020 dabei, den für sie individuell passenden Bildungsweg zu finden. Ein Jahr lang erhalten sie Einblicke in verschiedene Ausbildungsberufe und Studiengänge.

Viele junge Menschen stehen nach der Schule vor der Entscheidung, ob sie lieber studieren oder eine berufliche Ausbildung beginnen wollen. In dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Verbundvorhaben „Verzahnte Orientierungsangebote Ausbildung und Studium - VerOnika“ werden an drei Standorten und mit drei unterschiedlichen Konzepten Ausbildung und Studium in einem gemeinsamen Orientierungsangebot kombiniert. Absolventinnen und Absolventen mit Hochschulzugangsberechtigung können sich in beiden Bereichen ausprobieren und erste Erfahrungen sammeln. Die Orientierungsangebote werden für Berufe in den Bereichen MINT, Technik sowie Pflege und Gesundheit gemeinsam von Partnern der beruflichen und akademischen Bildung entwickelt und erprobt.

Das Orientierungsangebot „O ja!“ für Ausbildungsberufe und Studiengänge im MINT-Bereich ist im April 2020 als erstes der drei Angebote im Verbundvorhaben gestartet. Das Angebot wird gemeinsam von der Handwerkskammer (HWK) Berlin und der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin umgesetzt.

Die Orientierungsangebote für Berufe im Bereich Technik der Hochschule Karlsruhe und der Industrie und Handelskammer Karlsruhe und für Berufe im sozialen Bereich der Universität Darmstadt werden im Sommer 2021 mit dem ersten Durchlauf beginnen.

Welche Ziele VerOnika verfolgt und wie „O ja!“ in Berlin umgesetzt wird, darüber hat die Initiative Bildungsketten mit Frau Birgit Müller, Professorin im Studiengang Gebäudeenergie- und -informationstechnik an der HTW Berlin, und Frau Anna Leonzi, Abteilungsleiterin für Bildungsstätten an der HWK Berlin, gesprochen.

Sie haben VerOnika initiiert und setzen das Orientierungsangebot O ja! als eines von insgesamt drei Angeboten im Verbundprojekt VerOnika um. Die HWK und die HTW Berlin vertreten dabei die berufliche und die akademische Seite. Welche Idee steckt hinter dem Projekt?

Frau Müller: Die Idee hinter dem Projekt VerOnika hatten die HTW Berlin und die HWK Berlin gemeinsam und hatten dabei die wachsende Gruppe „Unentschlossener“ im Blick, die nach der Schule nicht wissen, in welche Ausbildungsrichtung es für sie gehen soll. Durch die gemeinsamen Orientierungsangebote zur beruflichen und akademischen Ausbildung in Zusammenarbeit von Einrichtungen der beruflichen und akademischen Bildung werden Chancen für eine erfahrungsbasierte Entscheidung eröffnet - unabhängig vom Bildungshintergrund der Eltern. Dies macht die Einzigartigkeit und Innovation von VerOnika aus. Die Orientierungsangebote sind an den Hochschulen verortet, um den Teilnehmenden einen gesicherten Status als Studierende und damit auch den Bezug von BAföG zu ermöglichen.

Zu welchen bildungspolitischen Zielen leistet VerOnika einen Beitrag?

Frau Leonzi: VerOnika trägt dazu bei, die Durchlässigkeit zwischen den Bildungssystemen zu erhöhen. Sie werden als gleichwertig dargestellt und erlebbar gemacht. Beide Systeme können den richtigen Berufsweg weisen. Die Teilnehmenden erfahren sich, ihre Fähigkeiten sowie Neigungen und lernen die verschiedenen Bildungswege mit den vielfältigen Anschlussmöglichkeiten kennen. VerOnika unterstützt junge Menschen, den für sie individuell passenden Bildungsweg für einen Beruf in einem konkreten Berufsfeld/-bereich einzuschlagen. Damit können Abbrüche verhindert und mehr erfolgreich abgeschlossene Bildungswege ermöglicht werden.

Frau Müller: VerOnika ordnet sich in den Kontext hybrider Bildungsangebote ein und zwar mit einem neuen Ansatz zur parallelen Orientierung sowohl in der beruflichen als auch in der akademischen Bildung. Hochschulische und berufliche Partner sind bei VerOnika gleichgewichtige Projektpartner. Sie entwickeln und organisieren die Orientierungsangebote gemeinsam. Dies geschieht unter Einbeziehung der Lernorte Hochschule, Berufsschule und Betrieb. Damit trägt das Projekt dazu bei, inhaltliche Schnittstellen zu identifizieren und zu einer Annäherung zwischen den Bildungssystemen in der Orientierung beizutragen. Im Kern geht es darum herauszufinden, welche Faktoren für eine gelungene berufliche Orientierung wichtig sind. Dies wird im Rahmen des Projektes auch wissenschaftlich untersucht. Im Ergebnis sollen Handlungsempfehlungen für die Entwicklung verzahnter Orientierungsangebote für Berufe in den Bereichen MINT/ Technik, Soziales und Gesundheit abgeleitet werden.

Sie haben die Gleichwertigkeit der Projektpartner als wichtigen Punkt genannt. Welche Inhalte werden den jungen Menschen sowohl von akademischer als auch beruflicher Seite beispielsweise bei „O ja“ vermittelt?

Frau Leonzi: Im O ja!-Orientierungsjahr geht es darum, die Möglichkeiten einer Ausbildung oder eines Studiums im MINT-Bereich kennenzulernen, Karrierewege praktisch und theoretisch erfahrbar zu machen und die Entscheidung für den passenden Berufsweg zu begleiten. Die Teilnehmenden haben die Möglichkeit, sich mit unterschiedlichen Themen und Berufsfeldern auseinanderzusetzen, die über verschiedene Bildungswege erreichbar sind. Denken Sie z.B. an die Anforderungen für die Umsetzung der Energiewende – hier sind gut ausgebildete Fachkräfte sowohl mit Ausbildungs- als auch mit Studienabschluss gefragt. Wir leben in einer Welt mit zentralen Herausforderungen. Im Handwerk aber auch für den Forschungs- und Entwicklungsbereich zählt für mich z.B. der schonende Umgang mit der Umwelt und unseren Ressourcen dazu. Für diese Herausforderungen müssen Lösungen gefunden werden, und zwar von Fachleuten, die innovative Ideen entwickeln können und mit Leidenschaft ihren Beruf ausüben. Für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands benötigen wir außerdem kreative Köpfe und Anpacker/innen, die das Thema Digitalisierung in allen Berufsbranchen vorantreiben und den technologischen Wandel aktiv mitgestalten.

Frau Müller: Genau, die Einblicke in verschiedene MINT-Berufe, das Kennenlernen der unterschiedlichen Arbeitsmethoden und auch der Ausblick auf die Arbeitswelt der Zukunft sind uns wichtig. Daher haben wir für das O ja!-Orientierungsjahr ein gemeinsames Curriculum entwickelt, das sich inhaltlich in die Bereiche Fachkompetenzen, Berufs- und Studienorientierung sowie Schlüsselkompetenzen gliedert. In der Entwicklung und Umsetzung der „O ja!“-Module sind die HWK Berlin und die HTW Berlin gleichberechtig vertreten. Ich gebe Ihnen gern ein Beispiel: Zum Fachlichen gehören u.a. eine Lehrveranstaltung in Mathematik und das Wahlmodul Programmierung, die beide von der Hochschule durchgeführt werden. Die Wahlmodule Elektrotechnik oder Holztechnik werden hingegen von der HWK Berlin realisiert. Die Inhalte werden demnach lernortübergreifend und zugleich gleichberechtigt vermittelt.

Frau Leonzi: Hier wird das Zusammenspiel sehr schön deutlich. Unabhängig von der Berufsentscheidung setzen beide Ausbildungssysteme bei den fachlichen Grundlagen an. Mathematische, physikalische oder elektrotechnische Zusammenhänge müssen verstanden werden, wenn man sich für einen technischen Beruf oder für ein weiterführendes ingenieurwissenschaftliches oder Informatik-Studium interessiert.

Wie lernen die „O ja“-Teilnehmenden die berufliche Seite konkret kennen?

Frau Leonzi: Im „O ja!“- Orientierungsjahr sind zum Beispiel Praxisphasen in Unternehmen ein wichtiger Bestandteil. Die Praxisphasen dienen dem Erleben der betrieblichen Ausbildung und des betrieblichen Berufsalltags. Der Umfang beträgt insgesamt 12 Wochen. Außerdem haben wir Gespräche mit beruflich Qualifizierten integriert. Bei diesem persönlichen Austausch beantworten berufserfahrene Personen Fragen zu ihrem beruflichen Werdegang, dem Berufsalltag, den konkreten Aufgaben und den Perspektiven. Die Teilnehmenden gewinnen in Berufsschulhospitationen zudem einen Eindruck vom Berufsschulalltag. Darüber hinaus finden Module und Projekte am Bildungs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer Berlin statt. Hier lernen die Teilnehmenden die Werkstätten und den Lernort für die überbetriebliche Lehrunterweisung von Auszubildenden und für Fortbildungen von angehenden Meistern kennen. Nach einer Entscheidung für eine duale Ausbildung werden die Teilnehmenden eng vom Team der Ausbildungsberatung an der Handwerkskammer Berlin betreut.

„O ja“ ist im April 2020 gestartet – unter erschwerten Bedingungen. Wie wirkt sich die COVID-19 bedingte Situation auf die Umsetzung des Orientierungsangebotes aus?

Frau Müller: Die COVID-19 bedingte Situation hat insgesamt zu einem verzögerten Start der Orientierungsangebote an den einzelnen Standorten geführt. In Berlin konnten wir aufgrund der umfangreichen Vorarbeiten, die bereits vor Projektstart erfolgt sind, mit der ersten Gruppe im Frühjahr 2020 digital starten. Die Umstellung auf ein bislang reines Online-Format war eine Herausforderung, die aber gemeistert werden konnte. Die Fachmodule sowie die Unterstützung und Beratung finden aktuell über Online-Formate statt. Es wird auch in diesen außergewöhnlichen Zeiten auf hohen Anwendungsbezug geachtet. Derzeit planen wir, wie die praktischen Phasen gestaltet werden können.

Wie ist es mit den anderen Verbundprojekten? Und was bieten sie an?

Frau Müller: Karlsruhe und Darmstadt werden ihre Programme aufgrund der verzögerten Abläufe erst zum Frühjahr 2021 starten können. In Karlsruhe liegt der inhaltliche Schwerpunkt auf Ausbildungs- und Studiengängen im Bereich Mechatronik, Elektrotechnik und Maschinenbau und in Darmstadt auf dem Gebiet der sozialen Berufe, optional erweitert auf Ausbildungsberufe im Gesundheitswesen.

Wie kann man sich für die Orientierungsangebote bewerben und bis wann?

Frau Müller: Der nächste Programmstart ist an allen drei Standorten für das Frühjahr 2021 geplant. Die Bewerbungsportale werden ab Mitte November geöffnet sein.

Weitere Informationen

Verbundprojekt VerOnika: www.veronika-verbund.de

Orientierungsangebot „O ja!“: http://htwb.de/oja

Interessenten können sich auch direkt per Mail an die Projektverantwortlichen wenden: o-ja@htw-berlin.de und o-ja@hwk-berlin.de.