Interview mit der KAUSA Servicestelle Brandenburg

Seit Oktober 2017 gibt es die landesweite KAUSA Servicestelle Brandenburg. Im Gespräch gibt die Projektleiterin Charlotte Kruhøffer Einblicke in die Arbeit der Einrichtung. "Betriebe und Jugendliche zusammenzubringen, ist die größte Herausforderung."

Team der KAUSA-Servicestelle Brandenburg (rechts Charlotte Kruhøffer, daneben Kürsa Alper Milicic)

Team der KAUSA Servicestelle Brandenburg (rechts Charlotte Kruhøffer, daneben Kürsa Alper Milicic)

KAUSA Servicestelle Brandenburg

KAUSA-Servicestellen als Schnittstellen vor Ort

Wie gelingt es, dass Jugendliche einen Ausbildungsplatz und Unternehmen langfristig qualifizierte Nachwuchskräfte finden? Bundesweit sind die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten KAUSA-Landesstellen und regionalen KAUSA-Servicestellen Anlaufstelle für Fragen rund um das Thema Ausbildung. Welche Herausforderungen in der Region Brandenburg bestehen und was sie anbieten, um Jugendliche mit Flucht- und Migrationshintergrund und Betriebe zusammenzubringen, erklären Charlotte Kruhøffer, Leiterin der landesweiten KAUSA Servicestelle Brandenburg, und der ehemalige KAUSA-Berater am Standort Oranienburg Kürsa Alper Milicic.

bildungsketten.de: Was genau bietet die landesweite KAUSA Servicestelle in Brandenburg an?

Kruhøffer: Die KAUSA Servicestelle besteht seit Oktober 2017. Richtig Fahrt aufgenommen haben wir Anfang 2018. Wir beraten und unterstützen junge motivierte und lernbereite Menschen mit Migrations- und Fluchthintergrund dabei, eine duale Berufsausbildung zu beginnen und erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Dazu zählt bei Bedarf auch die Vermittlung in unterstützende Maßnahmen, wie die Einstiegsqualifizierung oder Assistierte Ausbildung. Ausbildungsbereite Betriebe ermutigen wir, sich für die jungen Menschen zu öffnen, damit sie echte Perspektiven auf einen Beruf und einen Arbeitsplatz bekommen. Insbesondere für die Ansprache der Zielgruppe junger Frauen mit Migrations- oder Fluchthintergrund haben wir Formate entwickelt, wie beispielsweise den MIA-Mädchentreff in Cottbus, der in Kooperation mit dem MIA Frauenzentrum entstanden ist. Regelmäßig können sich Mädchen mit Fluchterfahrung und Mädchen aus Cottbus treffen und gemeinsam nähen, basteln und malen. Dabei reden sie zum Beispiel über ihr Leben in Cottbus, über die Schule, aber auch darüber, was sie beruflich machen möchten. Der Mädchentreff ist sehr erfolgreich.

bildungsketten.de: Wo sehen Sie Herausforderungen Ihrer Arbeit?

Kruhøffer: Mit der KAUSA Servicestelle Brandenburg haben wir eine landesweite Servicestelle. Man muss sich nur einmal die Landkarte anschauen. Brandenburg ist ein Ring um Berlin, mit vielen weißen Flecken. Daher ist die Mobilität sicherlich eine der größten Herausforderungen. Für Auszubildende kann das bedeuten, dass die Berufsschule und der betriebliche Ausbildungsort weit auseinanderliegen. Bei Auszubildenden, die Unterstützung während der Ausbildung benötigen, wie beispielsweise durch die Assistierte Ausbildung, kommt noch der Bildungsträger als dritter Anlaufpunkt hinzu und manchmal auch ein Sprachkurs. Dazu kommt die Schwierigkeit, dass viele Jugendlichen noch keinen Führerschein haben und die Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel zum Teil nicht oder nicht ausreichend gegeben ist.

Wir brauchen dringend Infrastruktur in Brandenburg. Damit meine ich nicht nur den öffentlichen Nahverkehr, sondern auch digitale Infrastruktur. Bei Stellenantritt war ich mir sicher, was zu tun ist: die Ausbildung zu digitalisieren. Dann hätten wir auch nicht das Problem, dass die Jugendlichen überall hinfahren müssen. Sie könnten dann beim Arbeitgeber in einem virtuellen Klassenraum sitzen und dort beispielsweise am Förderunterricht teilnehmen. Aber das ist derzeit wegen der mangelnden Netzabdeckung kaum möglich.

bildungsketten.de: Wie steht es um die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe?

Kruhøffer: Die generelle Ausbildungsbereitschaft der Betriebe deckt sich mit der landesweiten Ausbildungsbereitschaft. Sie sind genauso bereit auszubilden und wollen das auch. Zudem machen sich Unternehmen zunehmend Sorgen, dass sie Aufträge nicht annehmen können, weil sie einen Mangel an qualifizierten Fachkräften haben. Das Problem ist weniger, Unternehmen für die Ausbildung zu begeistern. Und wir können durchaus auch die jungen Leute für die Ausbildung begeistern. Aber beide Seiten zusammenzubringen, dass derjenige, der Elektroniker werden will, das Unternehmen findet, das diese Ausbildung anbietet, das ist die größte Herausforderung.

Milicic: Eine Hürde ist auch, dass der Wohnortwechsel für Zugewanderte schwierig ist. Wenn der Betrieb weiter entfernt ist, kann das Probleme bereiten.

bildungsketten.de: Wo sehen Sie Schwierigkeiten oder Herausforderungen bei der Beratung von Zugewanderten?

Milicic: In erster Linie ist die Sprache eine Hürde, in zweiter Linie die zum Teil hohe Erwartung. Die Ausbildungsdauer von drei Jahren erscheint vielen lang. In den meisten Ländern gibt es diese Art von Ausbildung nicht. Viele Zugewanderte haben den Druck, schnell Erfolg haben zu müssen und Geld zu verdienen. Auch der mangelnde Nachweis oder die fehlende Vergleichbarkeit von Qualifikationen und Schulabschlüssen ist gerade in der Bewerbungsphase schwierig. Da leiste ich oft am Telefon mit Betrieben Überzeugungsarbeit.

bildungsketten.de: Wie steht es um das Ansehen der Beruflichen Bildung bei den Zugewanderten?

Milicic: Das Studium hat im Gegensatz zu einer beruflichen Ausbildung bei vielen Geflüchteten einen hohen Stellenwert. Dass man als Fachkraft auch gute Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten hat, dazu bedarf es bei vielen Jugendlichen noch Überzeugungsarbeit.

Kruhøffer: Viele Zugewanderte, gerade am Standort Cottbus, beraten wir auch hinsichtlich des Nachholens von Schulabschlüssen. Einen deutschen Schulabschluss können viele Unternehmen besser einschätzen.

bildungsketten.de: Wie gewinnen Sie Unternehmen für die Ausbildung von Zugewanderten?

Milicic: Ganz klassisch über die Internet-Seiten der Industrie- und Handelskammer oder über eigene Internet-Recherche. Wenn ich ein passendes Unternehmen gefunden habe, kontaktiere ich den Betrieb und berichte von unserer Arbeit. Ich erkläre, dass sie nicht allein gelassen werden mit den Jugendlichen, sondern wir als KAUSA Servicestelle beratend und unterstützend zur Seite stehen. Es gibt zahlreiche Unterstützungsmöglichkeiten des Landes wie die Assistierte Ausbildung Brandenburg oder Maßnahmen wie die Einstiegsqualifizierung. Viele Betriebe wissen von diesen Möglichkeiten gar nichts.

Kruhøffer: Wir sind sehr viel unterwegs, um Betriebe zu erreichen – auf Fachtagungen, Veranstaltungen und Messen. Im vergangenen Jahr waren wir auf über 80 Veranstaltungen. Dazu kommen rund 45 Veranstaltungen, die wir selber organisiert haben, zum Beispiel vier Unternehmerfrühstücke. Das hat sich in der Zwischenzeit herumgesprochen. Bei dem ersten Termin waren nur zwei Unternehmen dabei, bei dem letzten schon 20.

bildungsketten.de: Wie haben sich die regionalen Strukturen seit der Fluchtmigration 2015 verändert?

Kruhøffer: Die Strukturen haben sich auf jeden Fall verbessert. Alleine schon der Umstand, dass sich viele Institutionen mit dem Thema beschäftigt haben. Es gibt kaum einen Landkreis, der sich nicht damit befasst hat, wie die eigenen Strukturen hinsichtlich der Integration in Ausbildung und Beruf sowie Migration aussehen und angepasst werden müssen. Insbesondere die Bildungskoordinatoren im Land Brandenburg haben eine wichtige Rolle gespielt, transparent zu machen, was die Landkreisverwaltungen machen und anbieten.

KAUSA – Koordinierungsstelle Ausbildung und Migration

Die Koordinierungsstelle Ausbildung und Migration (KAUSA) hat zum Ziel, mehr Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationshintergrund für die Berufsausbildung zu gewinnen, die Ausbildungsbeteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu erhöhen und ihre Eltern über die berufliche Ausbildung zu informieren. Bundesweit bestehen zahlreiche regionale und landesweite KAUSA-Servicestellen, auf Landesebene auch in Brandenburg. Sie sind Anlaufstellen, um insbesondere Selbstständige, aber auch Jugendliche mit Migrationshintergrund über die berufliche Ausbildung zu informieren.

KAUSA wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Die regionalen KAUSA-Servicestellen werden über das Ausbildungsstrukturprogramm JOBSTARTER plus bis maximal 30. Juni 2022 gefördert. Die KAUSA-Landesstellen sind Bestandteil der im Rahmen der Initiative Bildungsketten geschlossenen Vereinbarungen zwischen Bund und Ländern. Ziel ist es, die regionalen KAUSA-Servicestellen durch die Vereinbarungen als KAUSA-Landesstellen zu verstetigen.

Eine Übersicht der KAUSA-Projekte bietet die Bildungsketten-Projektlandkarte.